Was man daraus für die Hadith-Wissenschaft entnehmen kann
Aus den bisher erwähnten Texten und vor allem aus den letztgenannten Aussagen der frühen islamischen Hadith-Gelehrten lassen sich folgende wichtige Erkenntnisse über die Hadith-Wissenschaften gewinnen:
- Wie extrem genau die Gelehrten des Hadith arbeiteten bei der Analyse und Überprüfung der Überlieferungen.
- Welches umfassende Wissen sie über die einzelnen Überlieferungen und die Überlieferer hatten.
- Dass es durch dieses umfassende Wissen überhaupt erst möglich war, all diese Dinge zu erfassen.
- Wie sie anhand dieser Fähigkeit vergleichen und unterscheiden und somit ganz genau feststellen konnten, welche Überlieferer häufig Fehler begingen und welche unaufrichtig waren – nämlich durch den Vergleich mit zigtausenden anderen Überlieferungen.
- Dass es eine derartige Überlieferungswissenschaft nicht mal annähernd in irgendeiner anderen Menschengemeinschaft jemals gegeben haben kann.
Dies muss jeder Historiker ohne irgendeinen Zweifel anerkennen, weil es für etwas Vergleichbares keine historischen Spuren gibt, die dies belegen würden.
- Dass selbst die größten Überlieferer, die zehn- oder sogar hunderttausende Überlieferungen und deren Überlieferer kannten, menschliche Fehler machten – wenn auch vergleichsweise nur äußerst selten.
- Dass diese Fehler auch bedeutend sein können.
- Dass der Fehler in der Überlieferung, selbst wenn er klein scheint, eine Auswirkung in Bezug auf das Verständnis des Textes und in weiterer Folge auf daraus verstandene Gesetze haben kann – was später noch deutlicher wird.
- Dass solche Fehler aber durch den Vergleich der Überlieferungen herausgefunden werden konnten.
- Dass ein solcher seltener Fehler bei einem so bedeutenden und meisterhaften Überlieferer nicht bedeutet, dass er dadurch nicht mehr als vertrauenswürdiger Überlieferer eingestuft werden kann, sondern, dass dies mit Bedacht und Fairness beurteilt werden muss.
Würde man anders vorgehen und alle Überlieferungen wegen eines einzelnen Fehlers pauschal ablehnen, würde das zwangsläufig zur grundsätzlichen Ablehnung jeglicher menschlichen Überlieferung führen, und das wäre in höchstem Maße absurd. Jeder Mensch mit einem Mindestmaß an Vernunft kann dieser Tatsache unmöglich widersprechen.
Denn wenn solche Überlieferungen von höchster Genauigkeit und Qualität abgelehnt würden, müssten alle anderen Arten historischer Überlieferung noch viel eher und von Grund auf völlig unbrauchbar werden.
Wie könnte man auf der einen Seite eine Überlieferung mit einer Überlieferungskette ablehnen, die zudem ausführlich und mehrfach studiert, geprüft und verglichen wurde, und auf der anderen Seite irgendeine Erzählung akzeptieren, die gar keine Überlieferungskette aufweisen kann?!
Umso mehr gilt diese Gegenüberstellung für Überlieferungen, die nicht nur mit einer einzelnen Kette, sondern mit zwei, drei oder noch viel mehr Ketten überliefert wurden.
Abschließend sei nochmals darauf hingewiesen, dass auch derartige seltene Fehler von solchen bekannten Überlieferern durchaus durch weiteren Vergleich herausgefunden werden konnten.
- Dass die Güte und Qualität eines speziellen Überlieferers nur diejenigen beurteilen können, die selbst ebendieses umfassende Wissen haben.
- Ein bedeutender Überlieferer hatte in der Regel auch mehrere Schüler, die lange von ihm lernten und überlieferten (mulazimun) und ihn deshalb äußerst gut kannten.
- Wie in diesem Fall Yahya, der von Shu'bah ibnu l-Hajjaj überlieferte und einer seiner engen Schüler war und in diesem Fall anderen mulazimin von Shu'bah widersprach.
Ahmad hatte in der zuvor erwähnten Aussage auf diesen Umstand hingewiesen.
- Dass das Wissen heutiger Studenten bzw. Gelehrten bei weitem und unvergleichbar geringer ist.
- Dass ein Anfänger im Wissen, ein Anfänger in der arabischen Sprache oder gar ein Nicht-Araber, der keine Ahnung von Überlieferern und kaum irgendwas gelesen hat, sich nicht anmaßen darf, über solche Dinge zu reden, als wäre er so wie die bedeutenden Hadith-Gelehrten.
- Dass, wenn man jemanden dieser Art sieht, der den Menschen einen solchen Wissensstand vorgaukelt, man vor ihm auf der Hut sein sollte, weil er niemals so sein kann, wie er tut, und somit ein unaufrichtiger Mensch ist.
Es ist angebracht, dies anzumerken, da es – auch im deutschsprachigen Raum – nicht selten vorkommt.