Die Überlieferer der islamischen Quelltexte und die Bedeutung des Ausdrucks ahlu s-sunnati wa-l-jama'ah
Wie im vorhergehenden Kapitel bereits erläutert, spielt die Überlieferung der Quelltexte eine zentrale Rolle in allen Religionen. Bei der praktischen Durchführung jedoch kommt dem Islam historisch gesehen jener besondere Status zu.
Während ihrer andauernden Befassung mit den Texten war es den tausenden frühen Hadith-Gelehrten ein großes Anliegen, an der ursprünglichen Lehre und am textuellen Beweis festzuhalten.
Diese Gelehrten wurden schon in den ersten Jahrhunderten des Islam durch verschiedene Bezeichnungen bekannt, wie „die Gelehrten des Hadith“, „die Gelehrten des athar“ und ebenso „Die Leute der Sunnah und der Gemeinschaft“.
Das Wort Sunnah bedeutet im Arabischen ursprünglich „Weg“ und „Methode“. Wie eingangs erklärt, ist die Sunnah des Propheten die zweite Quelle der islamischen Rechtsprechung. Sie wird häufig definiert als alle Aussagen, Taten und stillschweigenden Billigungen, die vom Propheten صلى الله عليه وسلم überliefert wurden.
Im weiteren Sinne der „Methode des Propheten“ bzw. seines Weges umfasst die Sunnah jedoch mehr als dies, nämlich die gesamte Religion, die von diesem Propheten verkündet wurde.
Die Verwendung des Wortes Sunnah in diesem Sinne scheint in zahlreichen Aussprüchen des Propheten صلى الله عليه وسلم selbst auf, weshalb Leute, die an der ursprünglichen Lehre des Islam festhielten, auch allgemein „die Leute der Sunnah“ genannt wurden.
Aus dem Gesagten wird auch schnell klar, welch tragende Rolle diesen Gelehrten bei der Findung von Konsensmeinungen zukam, was sich aus dem zuvor erwähnten Zitat des bedeutenden Hadith-Gelehrten al-Bukhari schon sehr deutlich zeigte.
Gemäß der islamischen Theologie kann es in vielen Rechtsfragen und Teilbereichen der islamischen Lehre durchaus Meinungsunterschiede geben. Demgegenüber muss die grundlegende Glaubenslehre aber eindeutig und klar sein, da sie auf einen Ursprung zurückgeht und nicht den Interpretationen der Gelehrsamkeit unterworfen sein darf. Die grundlegenden Fragen der islamischen Glaubenslehre sind somit keine Angelegenheiten, in denen legitime Meinungsunterschiede vorstellbar wären, worauf die frühen Gelehrten in ihren Abhandlungen auch immer wieder hinwiesen.
Die eine Glaubenslehre wurde also über die ersten Jahrhunderte von einer einzigen einheitlichen Gemeinschaft vertreten und weitergetragen, weshalb die Anhänger dieser Lehre auch als „Leute der Gemeinschaft“ bezeichnet wurden.
Aus diesen hier erwähnten Umständen erklärt sich die bekannte Bezeichnung „Leute der Sunnah und der Gemeinschaft“, ahlu s-sunnati wa-l-jama'ah.
Es handelt sich demgemäß also um eine einheitliche Gemeinschaft, die an den Texten festhielt und der ursprünglichen Lehre folgte.