Die Bedeutung des Wortes Takfir
Beim arabischen Wort Takfir handelt es sich um das Verbalsubstantiv (im Arabischen: masdar) des Verbs kaffara yukaffiru. Es ist also das entsprechende Nomen, dass diese Handlung umschreibt.
Das Verb kaffara bedeutet „jemanden als Kafir beurteilen“. Es leitet sich ursprünglich von der Wortwurzel k-f-r, also vom Wort kufr108 und seinem Verb kafara - yakfuru ab.
Wie in der arabischen Morphologielehre ('ilmu s-sarf) erklärt wird, ist es in der arabischen Sprache möglich, ein dreiradikaliges Verb wie „kafara“ durch die Verdoppelung des zweiten Buchstabens zu erweitern, sodass es zu „kaffara“ wird. Dieser Vorgang gibt dem Verb die Bedeutung des „Machens“109.
Diese Vorgehensweise ist sehr häufig und kann im Allgemeinen bei Verben dieser Art angewendet werden. In der arabischen Sprachwissenschaft wird dieses Vorgehen nach einem allgemeinen Muster Qiyas genannt.
So lässt sich aus dem Verb malaka für „besitzen“ das Wort mallaka „besitzend machen“ bzw. „besitzen lassen“ formen, womit gemeint ist, dass man der Person etwas gibt, damit diese es besitzt. Ein weiteres Beispiel ist 'alima „wissen“ und 'allama „wissen lassen“, also lehren, usw.
Wie sich an solchen Beispielen ersehen lässt, wird das „machen“ bzw. „machen lassen“ im Arabischen häufig im übertragenen Sinne verwendet.
Ebenso ist es bei kafara also „kufr begehen“ und kaffara „jemanden den kufr machen lassen“. Dieses Verb wird auch tatsächlich in dieser Art verwendet und umschreibt dann, dass jemand eine andere Person zum kufr anstiftet und sie somit dazu führt zum Kafir zu werden. Natürlich ist es nicht möglich, einen Menschen gegen seinen Willen zum Kafir zu machen, weshalb damit in erster Linie gemeint ist, dass man jemanden dazu veranlasst den kufr zu begehen, also daran arbeitet, dass er diesen tut und dadurch zum Kafir wird.
Häufiger ist mit dem Wort kaffara jedoch gemeint, dass man den anderen Menschen in der eigenen Ansicht „zum Kafir macht“, ihn also als solchen ansieht bzw. bezeichnet. Die arabischen Gelehrten sagen hierbei „er schreibt ihn dem kufr zu“ (yansubuhu ila l-kufr), was entweder durch die bloße innere Sichtweise geschehen kann oder durch die Bezichtigung des anderen. Hierbei handelt es sich um die häufige und bekannte Anwendung des Wortes Takfir.
Wie im Vorwort über die zunehmende Kriminalisierung islamisch-theologischer Inhalte bereits ausführlich besprochen wurde, lässt sich das Wort Takfir nicht grundsätzlich mit dem Wort „Exkommunikation“ gleichstellen. Weit absurder ist die Behauptung mancher Politikwissenschaftler, wie z. B. des in diesem Bezug schon genannten Guido Steinberg, der Takfir wäre immer als Tötungslegitimation zu verstehen. Im Vorwort wurde dies bereits ausreichend besprochen.
Fußnoten
- Es wurde schon mehrfach darauf hingewiesen, dass kufr im Deutschen häufig als „Unglaube“ übersetzt wird, der Begriff in der islamischen Theologie jedoch umfassender verstanden wird und die Bedeutung sich nicht auf das bloße „Nicht-Glauben“ reduzieren lässt. ↩
- In derselben Weise, wie diese Bedeutung auch häufig durch das Hinzufügen des hamzah-Zeichens am Anfang des Wortes verwirklicht wird. Darauf wurde bereits beim Verb aslama hingewiesen, welches in der eben beschriebenen Art vom Verb salima genommen wird. ↩