Der Islam in diesem Bezug
Im vorausgehenden Kapitel wurde bereits deutlich, dass der Islam sich im Hinblick auf die Authentizität der Überlieferung im Vergleich mit allen anderen religiösen oder auch ganz allgemein historischen Überlieferungen zweifelsohne auszeichnet.
Es handelt sich beim Islam um die jüngste der drei abrahamitischen Religionen und ohne Zweifel auch um die am authentischsten erhaltene – ein Faktum, das niemand mit einem vernünftigen Zugang zur Geschichtsforschung abstreiten wird.
Die augenscheinlichsten Merkmale dieser Authentizität sind:
- die frühe Niederschreibung des Koran
- das weitverbreitete Auswendiglernen der Texte
- die Weitergabe abertausender prophetischer Überlieferungen, Konsensmeinungen und Gelehrtenaussagen der ersten Jahrhunderte durch Überlieferungsketten von Anbeginn.
Auf die Allgemeinheit der Menschen bezogen lässt sich gegenwärtig, sowohl bei Muslimen als auch bei Nicht-Muslimen, keinerlei fundierte Vorstellung darüber finden, wie der Islam überliefert wurde. Beim Juden- und Christentum ist dies nur umso deutlicher.
Leute, die sich zum Islam bekennen, haben im Allgemeinen zumindest irgendein oberflächliches Bewusstsein über die obengenannten wichtigsten Eigenheiten der islamischen Überlieferung, jedoch bleibt es bei dieser völlig oberflächlichen Kenntnis.
Nicht-Muslime haben demgegenüber im Allgemeinen nicht einmal ansatzweise eine Vorstellung von islamischen Überlieferungsmethoden – einigermaßen merkwürdig, handelt es sich bei den abertausenden Überlieferungsketten der muslimischen Hadith-Wissenschaft22 doch um eine bemerkenswerte und historische Leistung.
Aus folgender Schilderung über ein persönliches Gespräch mit einem nigerianischen Christen, der sich in missionarischer Arbeit bei Muslimen bemühte, wird ziemlich deutlich, dass es bei den meisten Nicht-Muslimen nicht einmal eine rudimentäre, sondern eigentlich gar keine konkrete Vorstellung über die islamische Überlieferungsmethodik gibt.
Im Verlauf des Gesprächs fragte ich jenen Mann an einem Punkt, ob er tatsächlich denkt, dass beispielsweise al-Bukhari23 die von ihm überlieferten Hadithe auf irgendwelchen Steinen oder Pergamenten in der Wüste fand. Er meinte dazu lediglich: „Ja. Sicher. Etwa in dieser Art wird es wohl gewesen sein“.
Wobei es vor dieser Begebenheit über Jahrzehnte hinweg natürlich schon viele Gespräche mit Vertretern anderer Meinungen gab, war ich über diese Antwort erstaunt. Handelte es sich doch um jemanden, der in seiner Tasche einige vereinzelte Texte aus dem Sahih-Werk al-Bukhari’s für die Diskussion mit Muslimen bereithielt, um bei passender Gelegenheit eines der mehr oder weniger bekannten Scheinargumente zu zücken.
Wenn es um solche Zwecke geht, ist al-Bukhari also dem einen oder anderen ein Begriff. Über die tatsächliche Natur der Überlieferung herrscht jedoch völlige Unkenntnis.
Bei der eben zitierten Annahme über die frühe Hadith-Wissenschaft, es handle sich vielleicht um irgendwelche Ausgrabungen in der Wüste, wird sehr deutlich, dass die betreffende Person überhaupt keine Vorstellung von dieser Thematik besitzt.
Besonders seit sich Christen vermehrt der Textkritik durch Leute wie Bart Ehrman ausgesetzt sehen, beginnen sie – erwartungsgemäß – im Gegenzug auch nach möglichen Schwächen bei der Authentizität der islamischen Überlieferung zu suchen, nach dem Schema: Wenn man schon das eigene Problem der fehlenden Authentizität nicht lösen kann, dann versucht man zumindest, dasselbe Problem, wenn auch in stark abgeschwächter Form, beim anderen zu finden.
Dabei wird von Christen stellenweise auch der Koran selbst thematisiert. In diesem Zuge werden einige Behauptungen vorgebracht, die schon bei bloßem Grundlagenwissen als fehlerhaft zu erkennen sind.
Es ist natürlich klar, dass diese Vorgehensweise von christlicher Seite nichts an der Problematik rund um die eigene fehlende Authentizität der Bibel ändert.
Dies, neben der schon erwähnten Tatsache, dass der Unterschied zwischen der islamischen Überlieferung und anderen Überlieferungsmethoden enorm ist. Man muss sich vergegenwärtigen, dass alleine die Tatsache, dass keine andere Tradierung durch Überlieferungsketten stattfand, jeden Vergleich absurd erscheinen lässt.
Die muslimischen Überlieferer waren bei der Tradierung der Texte so genau, dass sie unzählige Male sogar den bloßen Zweifel bezüglich einzelner Wörter oder einzelner Stellen in Überlieferungsketten mitüberlieferten, wobei dadurch häufig überhaupt kein Unterschied in der Bedeutung zustande kam. Wer also der Meinung ist, dafür eine geschichtliche Analogie finden zu können, dem sei hiermit der Nachweis abverlangt.
Auch unter Nicht-Muslimen kamen deshalb manche Fachleute nicht umhin, ziemlich unvoreingenommen ihre Bewunderung für die islamische Überlieferung zu zeigen.
So sagte z. B. der 1940 verstorbene David Samuel Margoliouth, ein führender britischer Orientalist24, in diesem Bezug:
Obwohl die Theorie des Isnad [der Überlieferungskette] aufgrund der Untersuchungen, die zur Vertrauenswürdigkeit jedes Überlieferers durchgeführt werden müssen, endlose Schwierigkeiten verursacht hat25 – und die Erfindung von Überlieferungen war eine bekannte und zu manchen Zeiten leicht tolerierte Praxis26 –, kann ihr Wert für die exakte Arbeit27 nicht in Frage gestellt werden, und die Muslime können mit Recht stolz auf ihre Wissenschaft der Überlieferung sein.
Bei anderen historischen Aufzeichnungen müssen wir das nehmen, was uns durch die bloße Behauptung des Autors mitgeteilt wurde: Es ist selten, dass ein griechischer oder römischer Historiker uns die Quelle seiner Informationen mitteilt.
Vor allem deutsche Forscher haben viel über die „Kritik der Quellen“ geschrieben und sich bemüht, die Erzählungen von Bibelschreibern und anderen auf die Quellen zurückzuführen, aus denen sie stammen.
Wo dieses Quellenmaterial nicht mehr existiert, können solche Bemühungen bestenfalls plausible Hypothesen liefern. In den Werken von Tabari, Baladhuri und Tanukhi ersparen uns die Autoren selbst diese Mühe. […]
Anschließend erwähnt Margoliouth, dass es trotz der hohen Standards der arabischen Geschichtsschreiber auch einige Kritikpunkte gibt – worauf jedoch im Rahmen einer eigenen Arbeit über Hadith-Wissenschaft eingegangen werden müsste. Margoliouth erwähnt z. B. die von ihm schon erwähnte Problematik der sogenannten wadda'in, also jener Leute, die bewusst Hadithe erlogen und hierfür auch Überlieferungsketten fabrizierten.
Wie gesagt muss hier angemerkt werden, dass diese Erscheinung jedoch niemand besser kannte und auch niemand genauer verstand, als die Hadith-Gelehrten selbst. Dies ging so weit, dass solche Gelehrten die erlogenen Hadithe in der Regel mit Leichtigkeit identifizierten, sie in eigenen Werken zusammenfassten und sogar eigene biografische Sammlungen über die schwachen Überlieferer und die wadda'in, also die Erfinder von Überlieferungen, anlegten!
Abschließend bekräftigte Margoliouth nochmals seine Feststellung zur Genauigkeit und zum hohen Wert der islamischen Hadith-Wissenschaft, als er sagte:
[…] Dennoch erreicht die Vertrauenswürdigkeit und Genauigkeit28 der angesehensten unter den arabischen Historikern einen hohen Standard und lässt ihre Werke zu einem großen Dienst für die Menschheit werden.29
Die in diesem Kapitel erwähnten Feststellungen zur Thematik der islamischen Überlieferung sollen als Einführung im Rahmen dieses Buches genügen und auch dazu beitragen, ein besseres Verständnis für die im weiteren Verlauf erwähnten Überlieferungen zu ermöglichen.
Die frühen muslimischen Gelehrten trieben die Genauigkeit bei der Überlieferung also ins äußerste Extrem. Für damalige Verhältnisse waren diese Vorgehensweisen sicher das Äußerste des Machbaren30.
Aufgrund ebendieser Eigenheit des Islam, die zum Erhalt seiner frühen Quellen führte, ist es auch viel eher möglich, die ursprüngliche Lehre des Islam und damit des islamischen Monotheismus-Verständnisses aus diesen Quellen herauszuarbeiten.
Fußnoten
Ein Hadith ist eine Überlieferung vom bzw. über den Propheten صلى الله عليه وسلم. Die Gesamtheit solcher Überlieferungen wird Sunnah genannt und stellt neben dem Koran die zweite primäre Rechtsquelle des Islam dar. (Der Plural von Hadith lautet ahadith, wird aber häufig – wie auch in diesem Buch – dem deutschen Sprachgebrauch angepasst, z. B.: die Hadithe.)
Dabei ist zu beachten, dass es in der Frühzeit des Islam gängig war, auch Überlieferungen von den ersten nachfolgenden Generationen als Hadith zu bezeichnen. Die Unterscheidung zwischen Hadith für eine Überlieferung vom Propheten im Speziellen und athar (Pl. athar) für sonstige Überlieferungen manifestierte sich erst später, wurde aber auch nicht von allen Hadith-Wissenschaftlern übernommen.
In diesem Sinne ist es nicht falsch, in Bezug auf die Überlieferungen der ersten Generationen ganz allgemein von Hadith-Überlieferung, Hadith-Wissenschaft bzw. Hadith-wissenschaftlichen Werken zu sprechen. ↩
- Der Sahih von al-Bukhari (194-256 n. H./810-870 n. Chr.) ist das wohl bekannteste Werk der Hadith-Überlieferung. Al-Bukhari wurde etwa 60 Jahre alt. Die Überlieferungen im Sahih von al-Bukhari werden bei den Muslimen (Sunniten) als die authentischsten Hadith-Überlieferungen überhaupt angesehen. Von ähnlichem Rang ist das Sahih-Werk des Hadith-Gelehrten Muslim ibnu l-Hajjaj (204-261 n. H./820-875 n. Chr.). Muslim wurde etwa 55 Jahre alt. ↩
David Samuel Margoliouth wurde 1858 in London geboren und verstarb in derselben Stadt im Jahr 1940. Er lehrte von 1889 bis 1937 arabische Sprache als Professor an der Universität Oxford.
Siehe für die zitierte Aussage S. 20 in Lectures on Arabic Historians [Delivered before the University of Calcutta, February 1929], David Samuel Margoliouth. ↩
Margoliouth thematisiert hier am Anfang offensichtlich die unglaublichen Anstrengungen, die unternommen werden mussten, um die Fülle an überlieferten Texten, Überlieferungsketten und Biografien zu analysieren. Dieser Arbeit widmeten in den ersten drei Jahrhunderten tausende Gelehrte und Überlieferer nicht selten auch ihr gesamtes Leben.
In Anbetracht dieser Fülle von Material verwundert es nicht, dass viele Menschen dadurch überfordert sind, jedoch ist es auch bei Muslimen selbst natürlich nicht jedem einzelnen Individuum abverlangt, ein Hadith-Gelehrter zu sein. Umso wichtiger für die Allgemeinheit der Muslime, ein gutes Verständnis für die Grundlagen der Überlieferung zu haben, auch wenn die meisten Muslime dafür nicht das notwendige Bewusstsein mitbringen.
Jedenfalls sind die Leistungen der frühen Hadith-Gelehrten im Grunde kaum bis gar nicht wiederholbar. Prinzipiell ist dies auch nicht notwendig, da diese Arbeit von den Gelehrten der ersten Jahrhunderte in ausreichendem Maße abgeschlossen wurde. Das Unverständnis für diesen Punkt ist aus meiner Sicht als Fehlentwicklung der modernen Hadith-Wissenschaft einzuschätzen.
Bei dieser Diskrepanz zwischen der Methode der früheren und der späteren Hadith-Gelehrten (al-farqu baina manhaji l-mutaqaddimina wa-l-muta'akhkhirina fi-l-Hadith) handelt es sich um ein essenzielles Thema, dem im innerislamischen Diskurs erwartungsgemäß in nächster Zeit wohl viel Aufmerksamkeit gewidmet werden wird und auch gewidmet werden muss. ↩
Die Erscheinung der sogenannten wadda'in – Leute, die Überlieferungen für eigene Zwecke erlogen hatten – war den muslimischen Hadith-Gelehrten bestens bekannt. Sie untersuchten jede einzelne dieser Überlieferungen und es war bei den fabrizierten Ketten aufgrund der umfassenden Kenntnisse und der offensichtlichen Mängel dieser Ketten leicht erkennbar, dass es sich um erlogene Überlieferungen handelt.
Man darf hier nicht vergessen, dass Margoliouth ein Historiker war und kein Hadith-Wissenschaftler. Die frühen arabischen Werke der Geschichtsschreibung, wie das bekannte Werk „Tarikhu l-Umami wa-l-Muluk“ von at-Tabari, waren bei den Hadith-Gelehrten aufgrund ihrer überaus hohen Standards in keinster Weise als authentisch anerkannt. Im Gegenteil, at-Tabari selbst weist im Vorwort des genannten Werkes auf diese Mängel hin.
Dennoch erstaunte Margoliouth offensichtlich die muslimische Überlieferung mit der Fülle ihrer Überlieferungsketten. Wobei er sich primär mit Geschichtswerken befasste und keinen tieferen Einblick in die Analyse der asanid/Ketten hatte, war ihm der große Unterschied zu anderen Überlieferungen sehr bewusst. Selbst jene Werke der islamischen Geschichtsschreibung sind bei weitem akkurater, umfassender und detailreicher, als irgendwelche anderen historischen Chronologien, wie Margoliouth in diesem Zitat auch ausdrücklich erwähnt!
Ganz zu schweigen von bedeutenden Werken der Hadith-Überlieferung, in denen keine Aussage überliefert wird, außer mit der entsprechenden Überlieferungskette, und – je nach Zielsetzung des Werkes – schwache Überlieferer von vornherein aussortiert wurden. ↩
- Er meint hier augenscheinlich: … der Wert der Hadith-Wissenschaft für die Erarbeitung von Methoden zur Überlieferung von möglichst hoher Genauigkeit – wa-llahu a'lam/und Allah weiß es am besten. ↩
- „Vertrauenswürdigkeit und Genauigkeit“ für das englische Wort „veracity”; auch: Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Exaktheit ↩
Das Zitat lautet im Originaltext: “But though the theory of the Isnad has occasioned endless trouble, owing to the inquiries which have to be made into trustworthiness of each transmitter, and the fabrication of traditions was a familiar and at times easily tolerated practise, its value in making for accuracy cannot be questioned, and the Muslims are justified in taking pride in their science of tradition.
In other ancient records we have to take what is told us on the author’s assertion: It is rare that a Greek or Roman historian tells us the source of his information.
German researchers especially have written „much on criticism of the sources,” endeavouring to trace the narrative of Biblical writers and others to the materials whence they were obtained. Where those materials no longer exist, such endeavours can at best provide plausible hypotheses. In the works of Tabari, Baladhuri and Tanukhi the writers themselves spare us this trouble. […]
Nevertheless the veracity of the most eminent among the Arab historians attains a high standard and renders their works of great service to humanity.” ↩
- Dies wirft z. B. auch die Frage auf, wie es kommt, dass diese Thematik beim Studium der Geschichte in Universitäten weltweit, vor allem in westlichen, kaum oder gar keine ernsthafte Erwähnung findet. ↩