Der Grundsatz der Entschuldigung durch Unwissenheit (al-'udhru bi-l-jahl)
Die Entschuldigung durch Unwissenheit ist ein bekanntes Prinzip in der islamischen Theologie, welches nur von einigen philosophischen Sekten verneint und gänzlich abgelehnt wurde110. Es gibt zahlreiche islamische Quelltexte, die diesen Grundsatz eindeutig belegen. Die angesprochenen Sekten verfälschten die Aussage solcher Texte mit illegitimen Methoden oder lehnten sie – wenn ihnen die falsche Auslegung nicht möglich war – einfach von Grund auf ab, weil sie ihrem Konzept nicht entsprachen.
Auf der anderen Seite kann dieser Grundsatz auch nicht auf jede beliebige Situation ausgeweitet werden, was an sich ebenso offensichtlich sein sollte. Jede andere Annahme würde zu irrationalen Schlussfolgerungen führen.
Dass die Unwissenheit aus einem Polytheisten keinen Monotheisten machen kann, wird in diesem Buch ausführlich behandelt und dargelegt. Aus zahlreichen Gründen kann sich der Grundsatz der Entschuldigung durch Unwissenheit also nicht auf den großen Shirk beziehen. Alleine die Tatsache, dass ein Mensch über das Fundament des Islam unwissend ist, macht seinen Eintritt in den Islam schon unmöglich.
Schon an diesem Umstand sieht man, dass der Grundsatz der Entschuldigung durch Unwissenheit sich nicht auf jede beliebige Situation beziehen kann. Wäre es so, könnte ein Mensch, der nicht an die Existenz eines Schöpfers glaubt, ein durch Unwissenheit entschuldigter Muslim sein – eine völlig absurde Vorstellung.
Genauso wie einige philosophische Gruppen also übertrieben hatten und die Entschuldigung durch Unwissenheit völlig verneinten, verfielen andere Menschen in die Ausweitung dieses Grundsatzes auf jeden erdenklichen Fall, sie bewegten sich dadurch also in das andere Extrem in dieser Frage.
Fußnoten
- Vor allem von den sogenannten Mu'tazilah, die im Deutschen auch als „Rationalisten“ bezeichnet werden, da sie vorgaben, die Vernunft (Ratio) zum höchsten Maßstab zu erheben. ↩