Was durch das bereits beschriebene Fehlverständnis aus diesem Vers folgen müsste
Im oben besprochenen Vers treten die zwei Gegensätze „Muslim“ und „Mushrik“ überaus deutlich zutage. Dabei wurden im Vers auch ausdrücklich die Gründe für diese Gegensätzlichkeit erwähnt, nämlich die Taten dieser beiden Personen.
Die eine Person begeht polytheistische Handlungen, während die andere davon völlig frei ist. Des Weiteren wird in dem Vers bekräftigt, dass sich diese beiden Personen nicht gleichen. Am Ende wird dem hinzugefügt, dass die meisten Mushrikun sich dieser Tatsache gar nicht bewusst sind, wie at-Tabari deutlich erklärte.
Es wurde demgegenüber bereits angesprochen, dass es in der heutigen Zeit viele Menschen gibt, die glauben, der islamische Monotheismus würde sich lediglich auf die Bezeugung der Existenz eines einzigen Schöpfers beschränken.
Gemäß ihrer Auffassung könnte ein Mensch also durchaus den Kerninhalt des Islam erfüllt und umgesetzt haben, während er gleichzeitig neben dem einen Schöpfer andere anbetet oder diesen bedingungslos gehorcht.
Es wurde bereits ausreichend erläutert, dass diese Irrmeinung der frühen islamischen Theologie fundamental zuwiderläuft. Ein polytheistischer Muslim war in der Geisteswelt der frühen Muslime nicht vorhanden. Selbst jene stark von der Philosophie beeinflussten Gelehrten kamen in den ersten Jahrhunderten im Allgemeinen gar nicht erst auf diese Idee.
Da diese verzerrte Sichtweise jedoch heute von breiten Massen vertreten wird, soll hier auch anhand des besprochenen Verses über das Gleichnis des Muslims und des Mushrik auf diese Problematik hingewiesen werden.
Die beschriebene Idee eines „Muslim Mushrik“, also eines polytheistischen Monotheisten, kollidiert nämlich auch mehrfach mit dem genannten Koran-Vers, und zwar wie folgt75:
- Bei so einer Annahme könnte der „unwissende Mushrik“ unmöglich Teil dieses Gleichnisses sein. Im Vers hingegen erwähnt der Koran ausdrücklich, dass auch auf den unwissenden Polytheisten die im Vers genannte Eigenschaft zutrifft.
Ein Mushrik, egal ob er es nun weiß oder nicht, dient sicher nicht Allah alleine. Er hat also die Grundvoraussetzung, um ein Muslim zu sein, sicherlich nicht erfüllt.
- Wie at-Tabari deutlich erklärte, befinden sich die meisten Mushrikun in Unwissenheit über diese Realität. Jener verzerrten Ansicht nach müssten sie durch ebendiese Unwissenheit aber Muslime werden.
- Darüber hinaus müsste gemäß dieser Aussage der unwissende Mushrik dem Muslim gleichen, da demnach beide letztlich Muslime wären, nämlich durch ihr bloßes Bekenntnis zum Islam und das Bekenntnis zum einen Schöpfer.
Dies würde in weiterer Folge auch für beide eine gleiche Behandlung im Jenseits bedeuten, was nach islamischer Theologie im Konsens nicht vorstellbar wäre. Diese Gleichbehandlung im theologischen Sinne hat zweifelsohne auch diesseitige Konsequenzen, was z. B. bei rituellen Handlungen, wie dem Gebet offensichtlich wird.
Gemäß der beschriebenen Ansicht müsste ein Muslim einem Polytheisten die Bezeichnung „Muslim“ zuteilwerden lassen und ihn in weiterer Folge in jeder Hinsicht als Muslim betrachten, sowohl in diesseitigen als auch in jenseitigen Belangen. Demnach müsste jener Muslim die beschriebene Person zum Imam, also zum Vorbeter in seinen Pflichtgebeten nehmen können usw.
Dieser Konsequenzen kann man sich letztlich nicht entziehen, wenn man einen Menschen trotz polytheistischer Handlungen als Muslim betrachtet.
Wie bereits gesagt, widerspricht diese Denkweise aber klar und deutlich dem genannten Vers, ebenso wie zahlreichen anderen islamischen Quelltexten.
- Ebenso müssten, gemäß dieser fehlerhaften Denkweise, die frühen Autoren und Koran-Exegeten, wie z. B. Ibnu Abi Hatim und at-Tabari – ebenso wie die noch früheren und bedeutendsten Gelehrten der Muslime, von denen diese beiden in ihren Werken überliefern – allesamt des Fehlers bezichtigt werden. Auch diese Annahme wäre natürlich in hohem Maße absurd.
Auch diesem Widerspruch könnte man nicht aus dem Weg gehen, da die Aussagen all dieser frühen Gelehrten nicht anders zu interpretieren sind. Aus ihren Aussagen ist klar zu sehen, dass sie sicherlich nicht die Möglichkeit erwogen haben, es gäbe einige Mushrikun, die trotz ihrer polytheistischen Handlungen Muslime wären. Es ist überaus deutlich, dass dies jenen Gelehrten nicht einmal in den Sinn kam.
Dieser Umstand zeigt einmal mehr, dass die frühen Persönlichkeiten der islamischen Wissenschaften solche Grundfragen des Tauhid als völlige Selbstverständlichkeit ansahen.
Wie bereits erwähnt, waren sogar die verschiedenen Sekten der damaligen Zeit nie auf die Idee gekommen, einen Polytheisten als Muslim zu bezeichnen, wobei sich diese Gruppen und Abspaltungen zweifelsohne in vielen Fragen auf deutliche Irrwege begeben hatten.
Fußnoten
Es geht hier nicht um die Frage, ob jemand heutzutage tatsächlich all diese Konsequenzen annimmt und bei der irrigen Behauptung bleibt, ein Mensch, der neben Allah andere anbetet, könne gemäß islamischer Sichtweise trotzdem als Muslim gelten.
Tatsächlich sind sich die allermeisten Menschen heute dieser angesprochenen, widersprüchlichen Konsequenzen (al-lawazimu l-batilah) gar nicht bewusst – einer der Gründe, warum diese hier verdeutlicht werden sollen. ↩