Der Hadith über dhatu anwat
At-Tirmidhi berichtet folgenden Hadith von Abu Waqid al-Laithi:
أَنَّ رَسُولَ اللَّهِ صلى الله عليه وسلم لَمَّا خَرَجَ إِلَى حُنَيْنٍ مَرَّ بِشَجَرَةٍ لِلْمُشْرِكِينَ يُقَالُ لَهَا ذَاتُ أَنْوَاطٍ يُعَلِّقُونَ عَلَيْهَا أَسْلِحَتَهُمْ فَقَالُوا يَا رَسُولَ اللَّهِ اجْعَلْ لَنَا ذَاتَ أَنْوَاطٍ كَمَا لَهُمْ ذَاتُ أَنْوَاطٍ فَقَالَ النَّبِيُّ صلى الله عليه وسلم سُبْحَانَ اللَّهِ هَذَا كَمَا قَالَ قَوْمُ مُوسَى اجْعَلْ لَنَا إِلَهًا كَمَا لَهُمْ آلِهَةٌ وَالَّذِي نَفْسِي بِيَدِهِ لَتَرْكَبُنَّ سُنَّةَ مَنْ كَانَ قَبْلَكُمْ قَالَ أَبُو عِيسَى هَذَا حَدِيثٌ حَسَنٌ صَحِيحٌ وَأَبُو وَاقِدٍ اللَّيْثِيُّ اسْمُهُ الْحَارِثُ بْنُ عَوْفٍ وَفِي الْبَاب عَنْ أَبِي سَعِيدٍ وَأَبِي هُرَيْرَةَ
Als der Prophet صلى الله عليه وسلم nach Hunain auszog, kam er bei einem Baum der Mushrikin vorbei, der dhatu anwat genannt wurde und auf den sie ihre Waffen hängten147. Da sagten sie148: „Oh Gesandter Allahs, mach uns einen dhatu anwat, so wie sie einen dhatu anwat haben.“
Da sagte der Gesandte صلى الله عليه وسلم: „Subhanallah! Dies gleicht dem, was das Volk von Musa sagte: ‚Mach uns einen Ilah (Anzubetenden) so wie sie Alihah haben.‘149
Bei dem in dessen Hand meine Seele ist, ihr werdet den Weg derjenigen gehen, die vor euch waren.“
Abu 'Isa (at-Tirmidhi) sagte: „Dieser Hadith ist hasan sahih…“150
Gemäß den vorangegangenen Erklärungen über die Grundlage des Islam und die falsche Methode beim Verständnis mehrdeutiger Aussagen ist auf jeden Fall klar, wie man diesen Hadith sicher nicht verstehen kann.
Es ist nicht denkbar, dass jene in dieser Geschichte erwähnten Prophetengefährten رضي الله عنهم den Islam nicht verstanden und deshalb den klaren Shirk verlangt hätten, sie aber zum selben Zeitpunkt trotzdem Muslime waren.
Nur jemand, der die Grundlage des Islam nicht richtig versteht oder ihr mutwillig widersprechen will, wird so eine Behauptung aufstellen. Dennoch wird dieser Hadith von Leuten manchmal als Gegenargument angeführt. Man will damit sagen: „Ein heutiger Polytheist kann durchaus ein Muslim sein, denn es kam ja sogar unter den Prophetengefährten vor, dass diese etwas anderes anbeteten, aber dennoch Muslime waren.“
Gemäß dieser Vorstellung könnte also im Grunde jeder Götzendiener als Muslim bezeichnet werden, egal wie viel und welchen Polytheismus er praktiziert. Das Wichtige dabei ist nur, dass er sich zum Islam zählt und unwissend ist.
Von den früheren Gelehrten wird so eine absurde Behauptung über diesen Hadith natürlich keineswegs überliefert.
Jene Prophetengefährten verlangten eine Handlung, die nicht als großer Shirk einzuordnen ist
Aufgrund des bisher schon Gesagten ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man diesen Hadith nur im Einklang mit den anderen Offenbarungstexten, vor allem mit den Grundlagen des Islam auslegen darf.
Tatsächlich ist es sehr abwegig, zu behaupten, dass diese Prophetengefährten رضي الله عنهم etwas verlangten, das als großer Shirk zu klassifizieren wäre. Es ist durchaus möglich, ihre Bitte anders zu verstehen, und zwar als den zuvor schon erklärten „kleinen Shirk“ (Shirkun asghar).
Da der Hadith durch diese Erklärung mit unzähligen anderen Quelltexten und den Prinzipien des Islam in Einklang gebracht werden kann, wäre es aus theologischer Sicht absurd, dieses Verständnis einfach zu verwerfen. So etwas würde nur jemand machen, der es ganz bewusst darauf anlegt, diesen Hadith im Gegensatz zur islamischen Glaubenslehre auszulegen.
In Wirklichkeit beabsichtigten jene Gefährten, dass der Prophet صلى الله عليه وسلم seinen Herrn darum bitten solle, einen Baum zu segnen – ähnlich dem Baum, den sie selbst aus ihrer Zeit vor dem Islam kannten. Durch den Segen Allahs sollten auch ihre Waffen gesegnet werden.
Dass Allah سبحانه وتعالى nun einen speziellen Ort oder Gegenstand segnet, ist gemäß der islamischen Lehre grundsätzlich nichts Abzulehnendes. Schließlich gibt es bekannte Orte wie die Moscheen von Mekka, Medina und Jerusalem, auf die genau das zutrifft – für Muslime ist dieser Umstand also nichts Ungewöhnliches.
Warum der Prophet diese Bitte mit Nachdruck ablehnte
Auch wenn die Segnung an sich eine durchaus mögliche Sache ist, war diese spezielle Bitte jener Prophetengefährten aus verschiedenen Gründen eine Verfehlung, weshalb sie vom Propheten صلى الله عليه وسلم auch entsprechend heftig abgelehnt wurde. Die Gründe dafür lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Ihre Bitte war eine Nachahmung der Götzendiener und der theologische Grundsatz lautet, dass diese Nachahmung (im Arabischen at-tashabbuhu bi-l-Kafirin) verwerflich und deshalb abzulehnen ist.
- Darüber hinaus handelte es sich hierbei um eine Nachahmung der Mushrikin in ihren polytheistischen Handlungen. Auch wenn die sahabah/Gefährten رضي الله عنهم nicht tatsächlich die Anbetung irgendwelcher anderen Dinge anstrebten oder erbaten, so wollten sie den Segen von Allah doch am selben Ort und auf dieselbe Art wie die Götzendiener. Es war aber unangemessen, Allah darum zu bitten, Ihn in derselben Art wie die Götzendiener anzubeten.
- Durch die beschriebenen Umstände und die äußerliche Ähnlichkeit der Taten bestand hierbei auch die Gefahr, dass dies in weiterer Folge leicht zum großen Shirk (Shirkun akbar) führen könnte. Dies, weil die Menschen – vor allem auch späterer Generationen – auf diese Art sehr schnell in die Anbetung des Baumes selbst verfallen könnten. Die sich daraus ergebende Situation erinnert stark an die zuvor schon zitierte Schilderung des Prophetengefährten Ibnu 'Abbas رضي الله عنهما darüber, wie der erste Polytheismus im Volk von Nuh/Noah entstand.
Aus diesen Gründen lehnte der Prophet صلى الله عليه وسلم diese Bitte vehement ab und verglich sie mit der im Koran erwähnten Bitte der Israeliten gegenüber Musa/Moses.
Dinge, die das Gesagte verdeutlichen und bekräftigen
Dass die im Hadith erwähnten sahabah رضي الله عنهم nicht den tatsächlichen Polytheismus verlangten, lässt sich auch durch folgende Umstände verdeutlichen:
- Der Vergleich mit banu isra'il bedeutet nicht die Gleichheit in jeder Beziehung. Dies, weil der sprachliche Vergleich durch die Verwendung der Partikel „kaf bzw. kafu t-tashbih“ in der arabischen Sprache nicht zwingend bedeutet, dass sich die verglichenen Dinge in jeder Hinsicht gleichen.
Die Ähnlichkeit kann sich bei diesem Stil lediglich auf einige Gesichtspunkte beziehen. Der Sinn dieses teilweisen Vergleiches des Propheten صلى الله عليه وسلم war es, jenen neu zum Islam konvertierten Gefährten das Ausmaß ihres Fehlers aufzuzeigen und von der Tat abzuschrecken.
- Bei der im Hadith erwähnten Ursache des Verbots findet man keinerlei Erwähnung des Shirk akbar. Wie bereits beschrieben, wollten die Muslime in Nachahmung der Mushrikin dort zwar ihre Waffen aufhängen, doch das bloße Aufhängen ist noch keine Anbetung des Baumes oder irgendwelcher Götzen oder sonstiger Wesen – auch wenn es in weiterer Folge dazu führen könnte.
Man kann also nicht behaupten, dass jene sahabah den Baum anbeten wollten, wobei man ihre Bitte auch anders verstehen kann und der Shirk akbar im Hadith keine Erwähnung findet.
- Selbst wenn diese sahabah رضي الله عنهم neu im Islam waren, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sie das Fundament des Islam und die Bedeutung des Glaubensbekenntnisses nicht kannten.
Schließlich war zu jener Zeit selbst den Mushrikin im Allgemeinen völlig klar, zu was Muhammad صلى الله عليه وسلم sie aufrief. Sie wussten sehr genau, dass die Shahadah des Islam „Es gibt keinen Anbetungswürdigen außer Allah“, mit Sicherheit erfordert, alles, was neben Allah angebetet wird, völlig zu verleugnen. Die Götzendiener von Quraish feindeten den Propheten صلى الله عليه وسلم gerade deshalb an, weil er sie für ihre Anbetung Anderer neben Allah tadelte.
Der Großteil der Araber kannte also sicherlich die Bedeutung des Islam nach dem Bekanntwerden der da'wah (Aufruf, Einladung) des Propheten صلى الله عليه وسلم. Im Musnad von Imam Ahmad wird hierzu beispielsweise überliefert, dass der Prophetengefährte Jabir رضي الله عنه sagte:
مَكَثَ رَسُولُ اللَّهِ صلى الله عليه وسلم بِمَكَّةَ عَشْرَ سِنِينَ يَتْبَعُ النَّاسَ فِى مَنَازِلِهِمْ بِعُكَاظٍ وَمَجَنَّةَ وَفِى الْمَوَاسِمِ بِمِنًى يَقُولُ: مَنْ يُئْوِينِى مَنْ يَنْصُرُنِى حَتَّى أُبَلِّغَ رِسَالَةَ رَبِّى وَلَهُ الْجَنَّةُ حَتَّى إِنَّ الرَّجُلَ لَيَخْرُجُ مِنَ الْيَمَنِ أَوْ مِنْ مُضَرَ كَذَا قَالَ فَيَأْتِيهِ قَوْمُهُ فَيَقُولُونَ احْذَرْ غُلامَ قُرَيْشٍ لاَ يَفْتِنُكَ وَيَمْشِى بَيْنَ رِحَالِهِمْ وَهُمْ يُشِيرُونَ إِلَيْهِ بِالأَصَابِعِ
Der Prophet صلى الله عليه وسلم verweilte in Mekka zehn Jahre. Er suchte die Menschen in ihren Wohnungen auf, bei 'Ukadh und Majannah151 und in der Pilgerzeit in Mina. Dort sagte er (zu den Leuten): „Wer gewährt mir Zuflucht, wer unterstützt mich, so dass ich die Botschaft meines Herrn verbreiten kann, wofür ihm das Paradies gebühren soll.“
Dies, bis selbst jenen, die vom Jemen oder Mudar aus zur Pilgerreise auszogen, von ihrem eigenen Stamm gesagt wurde: „Nehmt euch in Acht vor dem Jungen von Quraish, damit er euch nicht in Versuchung führt (, von eurer Religion abzulassen).“
Und er ging zwischen ihren Reittieren umher, während sie mit dem Finger auf ihn zeigten.
Es gibt also keinen Zweifel, dass die Menschen im Allgemeinen selbst vor ihrem Eintritt in den Islam genau wussten, dass der Monotheismus in der Anbetung das Erste und Wichtigste ist, was der Islam ihnen abverlangt.
Deshalb musste ihnen dies nach ihrem Eintritt in den Islam umso klarer gewesen sein. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass jene Gefährten des Propheten dies nicht wussten, wobei sie von den anderen Muslimen umgeben waren, die schon länger im Islam waren. Nicht zu vergessen, dass sich seit ihrem Übertritt zum Islam auch der Prophet صلى الله عليه وسلم selbst unter ihnen befand.
Aus dem Gesagten wurde also deutlich, dass es keinen Grund gibt, davon auszugehen, dass diese Prophetengefährten den tatsächlichen Polytheismus verlangten.
Sollte man dennoch Aussagen von späteren Autoren finden, die meinen, es wäre in dem Hadith der große Shirk verlangt worden, so ist dazu Folgendes zu sagen:
- Die Aussage eines späteren Gelehrten und sein Verständnis eines Textes sind überhaupt kein Maßstab. Solche Aussagen haben keinerlei Beweiskraft in der Religion und müssen deshalb immer hinterfragt und an den Quelltexten der Shari'ah gemessen werden. Letztlich kann es sich bei der Aussage eines solchen Gelehrten immer um einen klaren Fehler handeln.
- Selbst bei der Annahme, jene Prophetengefährten hätten den großen Shirk verlangt, wäre dies keinesfalls ein Argument, um die Grundaussage des Islam außer Kraft zu setzen.
In so einem Fall wäre es evident, dass diese im Hadith erwähnten Personen bis zu jenem Zeitpunkt innerlich den Islam noch nicht verstanden hatten. Da dies in dem angenommenen Fall äußerlich nicht sichtbar gewesen wäre, hätte niemand von ihrer Unkenntnis gewusst. Wie der Hadith zeigt, waren sie selbst sich ihrer eigenen Unkenntnis nicht bewusst, weshalb sie die Frage auch offen formulierten.
Zu einem tatsächlichen Abfall vom Islam wäre es in so einem Fall also gar nicht gekommen, da diese Personen den Fehler aufgrund ihrer Unwissenheit begingen und nach dem Hinweis sofort einsichtig waren und von ihrer Bitte reuig abließen.
Gemäß so einer Vorstellung über den Hadith, bekannten sich diese Leute zum Islam und waren demzufolge vor ihrer im Hadith erwähnten Aussage rechtlich Muslime. So gesehen wären sie also innerlich noch nicht in den Iman eingetreten, auch wenn sie äußerlich als Muslime galten. Sie mussten auch als solche betrachtet werden, da niemand von diesen Leuten jemals zuvor polytheistische Handlungen gesehen hatte. Ebenso wurde von ihnen davor keine Aussage bekannt, die auf ihre Unwissenheit über den Islam schließen ließe. Hätte es so einen Vorfall schon vorher gegeben, wäre es zu der geschilderten Begebenheit gar nicht erst gekommen.
In Bezug auf den Hadith sind darüber hinaus noch folgende Aspekte erwähnenswert:
- Bei den im Hadith erwähnten Personen, von denen jene Bitte formuliert wurde, handelte es sich keineswegs um alle Muslime, die mit dem Propheten صلى الله عليه وسلم ausgezogen waren. Es konnte sich nur um eine Minderheit handeln.
- Die im Hadith erwähnten Personen hatten den Islam zuvor angenommen und zogen mit dem Propheten صلى الله عليه وسلم aus, um die Gemeinschaft der Muslime zu verteidigen. Auch dies zeigt klar, dass sie diese Aussage nicht etwa aus Abneigung gegen den Islam oder aus Heuchelei tätigten. Wären sie Munafiqin/Heuchler gewesen, hätten sie so eine Bitte sicher nicht in aller Öffentlichkeit ausgesprochen.
Fußnoten
- Die Mushrikun machten dies im Glauben, ihre Schwerter würden dadurch Segen erlangen. ↩
- Also jene Muslime, die mit dem Propheten nach Hunain auszogen. Es handelt sich dabei in erster Linie um Muslime, die erst vor sehr kurzer Zeit in den Islam eingetreten waren. Dies, weil die meisten davon erst bei der friedlichen Eroberung Mekkas zum Islam kamen, welche vor diesem Auszug stattfand. ↩
- Sure al-A'raf, 7:138 ↩
- Bei dieser letztgenannten Feststellung handelt es sich um die Einschätzung dieses Hadith von at-Tirmidhi, welcher diesen Hadith in seinem Werk überlieferte. Die Wörter hasan (gut) und sahih (gesund) sind Fachbegriffe aus der Hadith-Wissenschaft und beschreiben die Güte bzw. den Grad der Authentizität eines Hadith. ↩
- Zwei Orte. Durch die dort abgehaltenen Märkte waren diese Orte wichtige Zentren der damaligen Araber. ↩