Der Shirk der Araber in der Fürsprache (Shafa'ah)
Im Speziellen war eine Form des Polytheismus in der Anbetung bei den frühen Arabern stark verbreitet, und zwar der Shirk in der Fürsprache. Die Araber beteten ihre Götzen an, aufgrund der Überzeugung, ihre Angebeteten würden für sie als Gegenleistung bei Allah سبحانه وتعالى Fürsprache (Shafa'ah) einlegen. Diese Idee der angeblichen Fürsprache ihrer Angebeteten bei Allah führte die Araber schließlich zum Polytheismus in allen Bereichen der 'Ibadah.
Die Araber glaubten, dass die Götzen Abbilder seien, die für die Seelen verstorbener edler Leute oder anderer Wesen stehen. Dies war zumindest der Glaube der überwiegenden Mehrheit.
Die Fürsprache-Theorie der Araber bestand nun darin, dass diese von ihnen Angebeteten, aufgrund ihrer Güte außerordentliches Ansehen bei ihrem Schöpfer genießen würden. Daraus ergab sich ihre Vorstellung, dass diese Angebeteten bei Allah ein besonders gewichtiges Wort hätten. Eine Fürsprache würde – gemäß ihrer Annahme – mit völliger Sicherheit angenommen.
Im Koran wird dies an mehreren Stellen berichtet, so z. B. im folgenden Vers, der diese Aussage von den Arabern selbst überliefert:
﴿بسم الله الرحمن الرحيم تَنْزِيلُ الْكِتَابِ مِنَ اللَّهِ الْعَزِيزِ الْحَكِيمِ (1) إِنَّا أَنْزَلْنَا إِلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ فَاعْبُدِ اللَّهَ مُخْلِصًا لَهُ الدِّينَ (2) أَلَا لِلَّهِ الدِّينُ الْخَالِصُ وَالَّذِينَ اتَّخَذُوا مِنْ دُونِهِ أَوْلِيَاءَ مَا نَعْبُدُهُمْ إِلَّا لِيُقَرِّبُونَا إِلَى اللَّهِ زُلْفَى إِنَّ اللَّهَ يَحْكُمُ بَيْنَهُمْ فِي مَا هُمْ فِيهِ يَخْتَلِفُونَ إِنَّ اللَّهَ لَا يَهْدِي مَنْ هُوَ كَاذِبٌ كَفَّارٌ﴾
Die Hinabsendung der Schrift ist von Allah, dem Allwürdigen, dem Allweisen. Gewiss, Wir sandten dir die Schrift mit der Wahrheit hinab, so diene105 Allah, die Religion Ihm gegenüber reinigend. Fürwahr! Nur Allah gehört der reine Din. Und jene, die sich neben Ihm auliya'106 nehmen (und sagen): „Wir dienen ihnen nicht, außer damit sie uns zu Allah näher bringen.“ Gewiss, Allah wird zwischen ihnen richten in dem, worüber sie uneins waren. Wahrlich, Allah leitet nicht denjenigen recht, der ein Lügner und ein äußerster Kafir107 ist.
(Sure az-Zumar, 39: 1-3)
In der Fürsprache bestand also ein Scheinargument für die Araber, um den Polytheismus zu rechtfertigten. Sie hatten zwar die Überzeugung, dass Allah der Schöpfer aller Dinge ist, dachten jedoch, die angebeteten Alihah könnten ihnen durch die Fürsprache nützen und schaden.
Diese zentrale Rolle der Shafa'ah ist schließlich auch der Grund für die häufige Erwähnung davon im Koran:
﴿وَيَعْبُدُونَ مِنْ دُونِ اللَّهِ مَا لَا يَضُرُّهُمْ وَلَا يَنْفَعُهُمْ وَيَقُولُونَ هَؤُلَاءِ شُفَعَاؤُنَا عِنْدَ اللَّهِ قُلْ أَتُنَبِّئُونَ اللَّهَ بِمَا لَا يَعْلَمُ فِي السَّمَاوَاتِ وَلَا فِي الْأَرْضِ سُبْحَانَهُ وَتَعَالَى عَمَّا يُشْرِكُونَ﴾
Und sie beten anstelle von Allah an, was ihnen weder Schaden noch Nutzen bringen kann, und sagen: „Diese sind unsere Fürsprecher bei Allah.“ Sag: „Setzt ihr Allah etwa in Kenntnis über etwas, was Er weder in den Himmeln noch auf der Erde kennt?!“ Gepriesen und hocherhaben ist Er über das, was sie Ihm beigesellen.
(Sure Yunus, 10:18)
Diese Araber hatten für dieses Konzept der Shafa'ah/Fürsprache jedoch keinerlei Grundlage aus der Offenbarung. Außerdem wird im Koran auf die fehlerhafte Annahme der Araber hingewiesen, manche Wesen hätten beim Schöpfer ein gewisses Anrecht auf die Annahme ihrer Fürbitte.
Der Koran bezeichnet diese Denkweise als einen zentralen Aspekt des Polytheismus bei der Fürsprache-Theorie der vorislamischen Götzendiener, da hierin eine Abhängigkeit des Schöpfers von seinen Geschöpfen bestehen würde. Die Araber glaubten also – wie im Koran auch thematisiert wird –, ihre Angebeteten hätten ein permanentes Recht der Fürsprache bei ihrem Schöpfer.
Dazu liest man im Koran z. B. Folgendes:
﴿اللَّهُ لَا إِلَهَ إِلَّا هُوَ الْحَيُّ الْقَيُّومُ لَا تَأْخُذُهُ سِنَةٌ وَلَا نَوْمٌ لَهُ مَا فِي السَّمَاوَاتِ وَمَا فِي الْأَرْضِ مَنْ ذَا الَّذِي يَشْفَعُ عِنْدَهُ إِلَّا بِإِذْنِهِ يَعْلَمُ مَا بَيْنَ أَيْدِيهِمْ وَمَا خَلْفَهُمْ وَلَا يُحِيطُونَ بِشَيْءٍ مِنْ عِلْمِهِ إِلَّا بِمَا شَاءَ وَسِعَ كُرْسِيُّهُ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ وَلَا يَئُودُهُ حِفْظُهُمَا وَهُوَ الْعَلِيُّ الْعَظِيمُ﴾
… Wer ist dieser, der bei Ihm Fürsprache einlegen könnte, außer mit Seiner Zustimmung?! …
(Sure al-Baqarah, 2:255)
Deshalb versuchten die Mushrikun sich ihren Angebeteten mit innerlichen und äußerlichen 'Ibadat zu nähern – wie es im islamischen Sprachgebrauch formuliert wird. So liebten sie die Götzen in derselben Weise, wie sie den Schöpfer liebten, und strengten sich ebenso an, ihre Gunst zu gewinnen. Auch fürchteten sie den Zorn der Alihah. Auf Grund all dieser Taten des Herzens (a'malu l-qulub) erbrachten sie ihren Götzen schließlich auch Tieropfer, riefen sie an und übermittelten ihnen all ihre Bitten.
Durch diese hier erläuterten Umstände lässt sich also die allgemeine Vorstellung der heidnischen Araber darstellen, auch wenn sich aus diesem Zustand bei einigen Arabern stellenweise noch größere Abweichungen vom eigentlichen Monotheismus ergaben.
Fußnoten
- bzw. bete Allah an ↩
- Das Wort auliya' ist der Plural von waliyy und wird für viele Bedeutungen verwendet, die sprachlich auf die „Nähe“ zurückgehen. Das Wort wird im Deutschen häufig mit Verbündeter, Schutzherr, Schutzverbündeter usw. wiedergegeben. Wie in diesem Vers auch, werden mit dem Begriff auch die Götzen benannt. ↩
- Stellenweise auch übersetzt mit: „ein beharrlicher Ungläubiger“. Es ist das zuvor in Bezug auf den Begriff kufr Erwähnte zu berücksichtigen, dass dieser nämlich umfassender ist als das bloße Nicht-Glauben. ↩