Das Wort Mushrikun im Koran umfasst immer auch den unwissenden Polytheisten
Bisher wurde an einigen Beispielen schon deutlich sichtbar, wie eine fehlerhafte Annahme über die Grundfragen der islamischen Glaubenslehre zu diversen weiteren Fehlschlüssen und Widersprüchen führt.
Hierfür ließen sich zahlreiche analoge Fälle nennen, da sich der Fehler in der Grundlage klarerweise in viele Bereiche ziehen wird, die auf dieser Grundlage aufbauen. Im Folgenden sollen zur weiteren Verdeutlichung nur einige wenige Beispiele hierzu genannt werden:
﴿مَا كَانَ لِلنَّبِيِّ وَالَّذِينَ آمَنُوا أَنْ يَسْتَغْفِرُوا لِلْمُشْرِكِينَ وَلَوْ كَانُوا أُولِي قُرْبَى مِنْ بَعْدِ مَا تَبَيَّنَ لَهُمْ أَنَّهُمْ أَصْحَابُ الْجَحِيمِ﴾
Es gebührt dem Gesandten und den mu'minin nicht133, dass sie für die Mushrikin um Vergebung bitten – selbst wenn diese Verwandte sein sollten – nachdem ihnen deutlich wurde, dass sie doch die Weggenossen der Hölle sind.
(Sure at-Taubah, 9:113)
Die Aussage des Koran ist also, dass der Muslim für den Mushrik nicht um Vergebung bitten134 darf. In den Aussagen der frühen Gelehrten (as-Salaf) wird dies dahingehend konkretisiert, dass es hier um das Verbot des Istighfar für einen bereits verstorbenen Polytheisten geht. Überlieferungen hierzu werden z. B. in den beiden Tafsir-Werken von Ibnu Abi Hatim und at-Tabari bei der Erklärung dieses Koran-Verses erwähnt.
Wie deutlich zu sehen ist, wird in dem Vers ein allgemeines islamrechtliches Urteil formuliert. Dabei wird das Wort Mushrikun verwendet, welches ausnahmslos alle Polytheisten umfasst. Es wäre ein falsches Verständnis dieses Verses, anzunehmen, dass sich dieses Verbot nur auf jene Polytheisten beziehen würde, von denen man sicher weiß, dass die Botschaft sie erreichte und sie ausreichende Kenntnis über ihren Inhalt besaßen.
Deshalb entnahmen die frühen muslimischen Rechtsgelehrten aus diesem Vers auch ein allgemeines Verbot. Jene Rechtsgelehrten (fuqaha') behaupteten also nicht, dass man unterteilen müsse und für manche, bereits verstorbene Polytheisten aufgrund deren Unwissenheit um Vergebung bitten dürfe.
Ein weiteres Beispiel aus dem Koran ist folgender Vers:
﴿وَكَذَلِكَ زَيَّنَ لِكَثِيرٍ مِنَ الْمُشْرِكِينَ قَتْلَ أَوْلَادِهِمْ شُرَكَاؤُهُمْ لِيُرْدُوهُمْ وَلِيَلْبِسُوا عَلَيْهِمْ دِينَهُمْ وَلَوْ شَاءَ اللَّهُ مَا فَعَلُوهُ فَذَرْهُمْ وَمَا يَفْتَرُونَ﴾
Und so haben ihre Beigesellten vielen von den Götzendienern das Töten ihrer Kinder schön erscheinen lassen135, um sie zugrunde zu richten und ihnen ihre Religion durcheinander zu bringen. Und hätte Allah es gewollt, hätten sie es nicht getan. Also lass von ihnen ab, und von dem, was sie erlügen.
(Sure al-An'am, 6:137)
Auch hier ist mit dem allgemeinen Wort Mushrikun sicherlich jeder Mushrik gemeint. Wiederum wird an dieser Stelle deutlich der Grund für die Bezeichnung dieser Menschen als Mushrikun erwähnt. Die Ursache für diese Bezeichnung war, dass diese Menschen sich shuraka' neben Allah nahmen, welche sie neben Ihm zu Teilhabern in der Anbetung machten – ungeachtet dessen, ob diese Menschen sich ihrer verwerflichen Handlungen und deren Konsequenzen nun bewusst waren oder nicht.
Ein weiteres Beispiel ist der folgende Vers:
﴿وَإِنْ أَحَدٌ مِنَ الْمُشْرِكِينَ اسْتَجَارَكَ فَأَجِرْهُ حَتَّى يَسْمَعَ كَلَامَ اللَّهِ ثُمَّ أَبْلِغْهُ مَأْمَنَهُ ذَلِكَ بِأَنَّهُمْ قَوْمٌ لَا يَعْلَمُونَ﴾
Und wenn einer von den Mushrikin dich um Asyl bittet, dann gewähre ihm Asyl, bis er die Worte Allahs vernommen hat136, sodann geleite ihn zum Ort seiner Sicherheit. Dies, weil sie Menschen sind, die nicht wissen.
(Sure at-Taubah, 9:6)
Wiederum werden diese Leute Mushrikin genannt. Zudem wird erklärt, dass es sich um Leute handelt, die nicht wissen.
Hiernach wäre es einigermaßen absurd zu behaupten, dass der „unwissende Polytheist“ (al-Mushriku l-jahil) mit dem Wort „Mushrikun“ in diesem Vers gar nicht erst gemeint wurde.
Hier könnte zwar eingewendet werden, dass zu jener Zeit die Offenbarung ja bereits verkündet wurde, diese Götzendiener davon also Kenntnis besaßen. Das trifft zwar im Allgemeinen zu, jedoch wäre die Annahme, dies würde auf jeden einzelnen Götzendiener der gesamten arabischen Halbinsel zutreffen, absurd. Egal wie sehr Wissen oder Unwissenheit über die Religion in einer Zeit verbreitet sind oder nicht, aber diese Umstände können niemals als Grundannahme für jedes einzelne Individuum gelten.
Es mag also durchaus sein, dass viele Götzendiener der beschriebenen Zeit den Kern der Botschaft des Islam bereits verstanden hatten, aber noch nicht zum Islam konvertiert waren – was im Sprachgebrauch des Koran auch mehrfach als eine Form der Unwissenheit bezeichnet wird.
Dennoch ist mit dem Ausdruck in diesem Koran-Vers auch jeder Polytheist gemeint, der die Kernaussage der prophetischen Botschaft nicht oder nicht richtig kannte. Jede gegensätzliche Behauptung müsste durch einen klaren textuellen Beweis belegt werden.
In einem weiteren Vers des Koran heißt es:
﴿فَإِذَا رَكِبُوا فِي الْفُلْكِ دَعَوُا اللَّهَ مُخْلِصِينَ لَهُ الدِّينَ فَلَمَّا نَجَّاهُمْ إِلَى الْبَرِّ إِذَا هُمْ يُشْرِكُونَ﴾
Und als sie das Schiff befuhren, riefen sie Allah an, ihre Religion Ihm gegenüber rein haltend137, und nachdem Er sie auf das Land gerettet hatte, da betreiben sie plötzlich (wieder) Shirk.
(Sure al-'Ankabut, 29:65)
Auch dieser Koran-Vers ist von äußerster Deutlichkeit. Hier wird zudem nicht der ismu l-fa'il (Partizip aktiv) „Mushrikun“ verwendet, sondern das Verb „yushrikun“. Es kann also keinen Zweifel geben, dass es sich hierbei in jedem Fall um Leute handelt, die Shirk praktizieren, da hier ausdrücklich die Tat selbst genannt wurde.
Auch an folgender Stelle wird dieser Sachverhalt wiederum augenscheinlich:
﴿أَوْ تَقُولُوا إِنَّمَا أَشْرَكَ آبَاؤُنَا مِنْ قَبْلُ وَكُنَّا ذُرِّيَّةً مِنْ بَعْدِهِمْ أَفَتُهْلِكُنَا بِمَا فَعَلَ الْمُبْطِلُونَ﴾
Oder ihr sagt: Nur unsere Ahnen haben vorher Shirk betrieben und wir waren Nachkommenschaft nach ihnen! Willst Du uns etwa zugrunde richten für das, was diejenigen getan haben, die Nichtiges tun?
(Sure al-A'raf, 7:173)
In diesem und den folgenden beiden Versen ist erwähnt, dass die darin genannten Vorfahren den Shirk praktizierten. Dabei wird wieder das Verb, in diesem Fall in der Vergangenheitsform ashraka, verwendet.
Kein Zweifel also, dass diese Leute aufgrund ihrer polytheistischen Handlungen Mushrikun waren. Wären jene Vorfahren keine Mushrikun gewesen, würde die beschriebene Argumentation der im Vers erwähnten Nachfahren und somit der ganze Vers seinen Sinn verlieren.
Wer auch immer den Polytheismus praktiziert, ist demgemäß ein Mushrik, ungeachtet seines Wissensstandes über die Inhalte der prophetischen Botschaft.
Dasselbe ist über die beiden folgenden Verse zu sagen:
﴿فَلَا تَكُ فِي مِرْيَةٍ مِمَّا يَعْبُدُ هَؤُلَاءِ مَا يَعْبُدُونَ إِلَّا كَمَا يَعْبُدُ آبَاؤُهُمْ مِنْ قَبْلُ وَإِنَّا لَمُوَفُّوهُمْ نَصِيبَهُمْ غَيْرَ مَنْقُوص﴾
So sei nicht im Zweifel über das, dem diese dienen. Sie dienen nur, wie ihre Väter zuvor gedient haben. Und Wir werden ihnen ihren Anteil fürwahr unvermindert zukommen lassen.
(Sure Hud, 11:109)
In der folgenden Passage spricht der Prophet Yusuf/Josef, nachdem er zu Unrecht in Gefangenschaft geriet, seine zwei Mitgefangenen mit den folgenden Worten an:
﴿يَا صَاحِبَيِ السِّجْنِ أَأَرْبَابٌ مُتَفَرِّقُونَ خَيْرٌ أَمِ اللَّهُ الْوَاحِدُ الْقَهَّارُ (39) مَا تَعْبُدُونَ مِنْ دُونِهِ إِلَّا أَسْمَاءً سَمَّيْتُمُوهَا أَنْتُمْ وَآبَاؤُكُمْ مَا أَنْزَلَ اللَّهُ بِهَا مِنْ سُلْطَانٍ إِنِ الْحُكْمُ إِلَّا لِلَّهِ أَمَرَ أَلَّا تَعْبُدُوا إِلَّا إِيَّاهُ ذَلِكَ الدِّينُ الْقَيِّمُ وَلَكِنَّ أَكْثَرَ النَّاسِ لَا يَعْلَمُونَ﴾
Oh ihr beiden Kerkergenossen! Sind verschiedene (angebetete) Herren besser, oder Allah, der Eine, Der Allbezwingende?! (39) Ihr dient138 anstelle von Ihm eigentlich nichts außer Namen, die ihr und eure Ahnen vergaben, für die Allah niemals eine Ermächtigung herabsandte. Die Entscheidung139 liegt doch nur bei Allah. Er hat geboten, dass ihr nichts dient außer Ihm. Dies ist die geradlinige Religion; doch die meisten Menschen wissen es nicht.
(Sure Yusuf, 12:39-40)
Fußnoten
- Bzw. „es gehört sich nicht“. Eine Stilform im Arabischen, mit der gemeint ist: „er darf nicht“ bzw. „es ist ausgeschlossen, dass er das macht“. ↩
- Im Arabischen: Istighfar ↩
Dieser Satz lässt sich unter Beibehaltung der Satzstellung kaum oder gar nicht in richtiges Deutsch übertragen, weshalb er in der obengenannten Art formuliert wurde. Die Bedeutung lässt sich folgendermaßen verdeutlichen: „
Ebenso ließen jene Beigesellten, welche von den Götzendienern angebetet wurden, diesen Götzendienern das Töten ihrer Kinder schön erscheinen.“ ↩
- bzw.: „bis er das Wort Allahs vernimmt“ oder auch „vernehmen kann“. ↩
- Also: Sie richteten Bittgebete an Allah und wandten sich nur an Ihn, machten dabei also keinen Shirk. Es wird im Arabischen wieder das Wort mukhlisin verwendet, das – wie zuvor schon mehrfach ausgeführt – aussagt, dass man seine Religion, Riten und gottesdienstlichen Handlungen vom Polytheismus reinigt. ↩
- Bzw. betet an ↩
Im Arabischen: „hukm“. Also die Regentschaft, das Regieren, der Beschluss, das Urteilen und Entscheiden. Das Wort umfasst all diese Bedeutungen, da sich das Recht Allahs zu Regieren und zu Urteilen gemäß islamischem Verständnis nicht nur auf das Jenseits beschränkt.
Es ist zu beachten, dass dieser Ausdruck hier sprachlich gesehen von derselben Art und Stärke ist, wie das arabische Glaubensbekenntnis, da in beiden die Ausnahmepartikel illa verwendet wird. Die Shahadah bedeutet also „Keine 'Ibadah, außer für Allah“, und der Ausdruck hier lautet „Kein hukm, außer für Allah“.
Die Khawarij übertrieben in Bezug auf diesen Koran-Vers und verwendeten ihn, um Muslime auf Grund von großen Sünden aus dem Islam auszuschließen. Demgegenüber versuchen viele Leute heute, diesen Vers in ein anderes Extrem zu ziehen und über seinen offensichtlichen Wortlaut hinwegzutäuschen, um Konsequenzen von diversen tyrannischen Regenten abzuwenden. Eine genauere Aufarbeitung dieser Thematik erfordert jedoch eine gesonderte Arbeit. ↩