Erklärung des Vorworts von Ibnu Abi Hatim ar-Razi
وَأَنْ نَقْصِدَ لِإِخْرَاجِ التَّفْسِيرِ مُجَرَّدًا دُونَ غَيْرِهِ، مُتَقَصِّينَ تَفْسِيرَ الْآيِ حَتَّى لَا نَتْرُكَ حَرْفًا مِنَ الْقُرْآنِ يُوجَدُ لَهُ تَفْسِيرٌ إِلَّا أُخْرِجَ ذَلِكَ.
Und dass wir42 es uns zur Zielsetzung machen den Tafsir alleine und ohne etwas Anderes, (aus den Überlieferungen) herauszuarbeiten, der Erklärung der Ayat nachgehend43, sodass wir keinen Buchstaben [bzw. auch Wort, Ausdruck oder Ayah] des Qur'an auslassen, für den es einen Tafsir gibt, ohne dass dies herausgearbeitet würde.
Ibnu Abi Hatim weist hier also auf die Zielsetzung hin, sich nur auf die Überlieferungen zu beschränken und dem nichts hinzuzufügen, einschließlich eigener Erklärungen. Im Gegensatz zu anderen Autoren wie at-Tabari, der in seinem Tafsir auch eigene Erklärungen und Inhalte beifügt, wie beispielsweise Erklärungen über die arabische Sprache, wofür sein Tafsir auch bekannt wurde.
Des Weiteren beschreibt Ibnu Abi Hatim das Ziel, für all jene Stellen die Überlieferungen herauszuarbeiten, für die es einen Tafsir gibt. Hieraus könnte verstanden werden, dass dies nicht auf jedes einzelne Wort bzw. jede einzelne Stelle im Qur'an zutrifft. Es wurde in der Einführung bereits darauf hingewiesen, dass dies für ein Verständnis des Qur'an auch nicht zwingend notwendig ist.
Zudem kann es sein, dass über eine Ayah im Speziellen nichts erwähnt wurde, die Ausdrücke und Wörter aber an anderer Stelle bereits erklärt wurden, da im Qur'an viele Inhalte wiederholt werden.
فَأَجَبْتُهُمْ إِلَى مُلْتَمَسِهِمْ، وَبِاللَّهِ التَّوْفِيقُ، وَإِيَّاهُ نَسْتَعِينُ، وَلَا حَوْلَ وَلَا قُوَّةَ إِلَّا بِاللَّهِ.
فَتَحَرَّيْتُ إِخْرَاجَ ذَلِكَ بِأَصَحِّ الْأَخْبَارِ إِسْنَادًا، وَأَشْبَهِهَا مَتْنًا، فَإِذَا وَجَدْتُ التَّفْسِيرَ عَنْ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ لَمْ أَذْكُرْ مَعَهُ أَحَدًا مِنَ الصَّحَابَةِ مِمَّنْ أَتَى بِمِثْلِ ذَلِكَ،
وَإِذَا وَجَدْتُهُ عَنِ الصَّحَابَةِ فَإِنْ كَانُوا مُتَّفِقِينَ ذَكَرْتُهُ عَنْ أَعْلَاهُمْ دَرَجَةً بِأَصَحِّ الْأَسَانِيدِ، وَسَمَّيْتُ مُوَافِقِيهِمْ بِحَذْفِ اْلِإْسَنادِ.
وَإِنْ كَانُوا مُخْتَلِفِينَ ذَكَرْتُ اخْتِلَافَهُمْ وَذَكَرْتُ لِكُلِّ وَاحِدٍ مِنْهُمْ إِسْنَادًا، وَسَمَّيْتُ مُوَافِقِيهِمْ بَحَذْفِ الْإِسْنَادِ،
So bin ich ihrer Bitte nachgekommen und bei Allah ist der Taufiq (Erfolg) und Ihn allein bitten wir um Hilfe und es gibt keine Fähigkeit und keine Kraft außer bei Allah.
Und ich habe danach gestrebt, diejenigen Überlieferungen herauszuarbeiten mit den richtigsten Überlieferungsketten und den am richtigsten erscheinenden44 Mutun45.
Wenn ich nun einen Tafsir vom Propheten صلى الله عليه وسلم vorfinde, dann erwähne ich mit ihm gemeinsam keinen von den Sahabah46, von denjenigen, die dasselbe überliefern.
Und wenn ich ihn von den Sahabah finde und sie darin übereinstimmten, so erwähnte ich ihn von demjenigen, der die höchste Stufe hat, mit der richtigsten Überlieferungskette und ich erwähne diejenigen, die mit ihnen übereinstimmen nach Wegkürzung der Überlieferungskette.
Und wenn sie sich uneinig sind, so erwähne ich ihre Unterschiede und erwähne von jedem von ihnen die Überlieferungskette und ich erwähne diejenigen, die mit ihnen übereinstimmen, nach Wegkürzung der Überlieferungsketten.
Hier erwähnt Ibnu Abi Hatim erneut, dass er es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die richtigsten Überlieferungen herauszusuchen, was seinen Tafsir, wie bereits erläutert, auch gegenüber anderen auszeichnet, zumal Ibnu Abi Hatim ein Imam in der Hadith-Wissenschaft war.
Zudem erklärt der Verfasser hier, dass er den Überlieferungen verschiedene Prioritäten gab. An erster Stelle standen die Überlieferungen des Propheten صلى الله عليه وسلم. Danach kamen diejenigen der Prophetengefährten, je nach ihrem Stellenwert. In diesem Sinne werden z. B. die rechtgeleiteten Kalifen im Allgemeinen als erstes gereiht, gefolgt von den „al-'asharatu l-mubasharuna bi-l-jannah“, also den Zehn, denen das Paradies in einem Zuge versprochen wurde, gefolgt von den Leuten der Schlacht von Badr usw. Diese Einteilung nahmen die Salaf sicherlich nicht ohne einen schlüssigen Grund vor, wie man auch an Ibnu Abi Hatims Vorgehensweise erkennen kann.
Außerdem sehen wir hier, dass Ibnu Abi Hatim nicht nur die richtigsten Tafsir-Überlieferungsketten im Allgemeinen herausarbeitete, sondern auch in Bezug auf die einzelnen Personen und Überlieferungen. Er wählte also die richtigste Überlieferung zu einem Thema, von dem Sahabi mit dem höchsten Stellenwert.
Wenn weitere Aussagen überliefert wurden und diese Überlieferungen alle übereinstimmten, so weist der Verfasser lediglich auf die weiteren Überlieferungen hin, ohne die Überlieferungskette anzuführen.
Wenn die Sahabah sich jedoch uneinig waren, erwähnte er ihre unterschiedlichen Auslegungen mit der jeweiligen Überlieferungskette. In den überwiegenden Fällen ist hier nicht gemeint, dass sich die einzelnen Tafsir-Aussagen von Grund auf widersprechen, sondern, dass es sich um unterschiedliche Erklärungen handelt, die sich bei der Auslegung ergänzen. Hierauf wurde in der Einführung bereits hingewiesen.
Zusätzlich erwähnte er in so einem Fall zu jeder der verschiedenen Auslegungen die weiteren, sie stützenden Überlieferungen, allerdings ohne Überlieferungsketten.
فَإِنْ لَمْ أَجِدْ عَنِ الصِّحَابَةِ وَوَجَدْتُهُ عَنِ التَّابِعِينَ عَمِلْتُ فِيمَا أَجِدُ عَنْهُمْ مَا ذَكَرْتُهُ مِنَ الْمِثَالِ فِي الصِّحَابَةِ،
وَكَذَا أَجْعَلُ الْمِثَالَ فِي أَتْبَاعِ التَّابِعِينَ وَأَتْبَاعِهِمْ.
جَعَلَ اللَّهُ ذَلِكَ لِوَجْهِهِ خَالِصًا، وَنَفَعَ بِهِ.
Und wenn ich keinen [Tafsir] von den Sahabah, [stattdessen] jedoch von den Tabi'in vorfinde, verfahre ich mit dem, was ich von ihnen finde, ebenso, wie ich es bei den Sahabah erwähnt habe.
Und nach demselben Beispiel verfahre ich in Bezug auf die Atba'u t-Tabi'in und ihre Nachfolger47.
Möge Allah dies [Anm.: also unsere Absicht bei dieser Arbeit] für sein Antlitz rein machen und darin Nutzen sein lassen.
Wenn also kein Tafsir von den Sahabah vorlag, wendete Ibnu Abi Hatim das eben beschriebene Verfahren auf die Tabi'in an. So z. B. bei Sa'id Ibnu Jubair – der den Propheten صلى الله عليه وسلم nicht direkt erlebte –, wenn er von dem Sahabi Ibnu 'Abbas رضي الله عنه überliefert.
Ein anderes Beispiel ist ad-Dahhak ibnu Muzahim, der zuvor bereits erwähnt wurde. Ad-Dahhak überlieferte den Tafsir nicht direkt von den Sahabah, obwohl er an sich als Tabi'i zu bewerten ist, also die Sahabah erlebt hat – wallahu a'lam. Stattdessen nahm er die Tafsir-Überlieferungen von einem anderen Tabi'i, wobei in diesem Zusammenhang vor allem Sa'id ibnu Jubair erwähnt wird.
Sa'id ibnu Jubair hat also einen höheren Stellenwert als ad-Dahhak ibnu Muzahim und hochwertigere Überlieferungsketten. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass Ibnu Abi Hatim die Überlieferungskette als Ganzes betrachtete. Da die Kette nach dem Tabi'i also weitergeht, wurden die Überlieferer danach bei der Bewertung des Isnad vom Verfasser zweifelsohne miteinbezogen.
Dieselbe Vorgehensweise wandte Ibnu Abi Hatim auch bei den folgenden Generationen an. Er erwähnt also neben dem Tafsir des Propheten صلى الله عليه وسلم, der Sahabah, der Tabi'in und der Atba'u t-Tabi'in auch teilweise den Tafsir der vierten Generation. Der überwiegende Anteil der Tafsir-Überlieferungen stammt jedoch aus der Zeit der ersten drei Generationen, also der Sahabah, der Tabi'in und der Atba'u t-Tabi'in.
Abschließend bittet der Verfasser Allah darum, seine Absicht zu reinigen und in seiner Arbeit Nutzen sein zu lassen. Für wen genau dieser Nutzen besteht, wird, wie im arabischen Gebrauch üblich, nicht genannt, um darauf hinzuweisen, dass dies alle erdenklichen Personen umfasst. Das Buch soll also denen nutzen, die es lesen, ihren Kindern, ihrer Familie, ihren Verwandten, Nachfahren, der Gesellschaft im Allgemeinen, den Regenten etc.
Allah sei an dieser Stelle ebenso gebeten, auch unser aller Absicht zu reinigen, sowie jene unserer Familien und all jener, die den vorliegenden Text lesen. Amin.
Fußnoten
Das Wort „mutaqassin“ (hier im Plural mutaqassina) bzw. in einer anderen Ausgabe „mutaqassiyan“ bedeutet „verfolgend“ oder „nachgehend“ und kommt von der Wortwurzel „qasa“. „Al-qasi“ ist das weit Entfernte. „
Mutaqassiyan“ bedeutet „verfolgend“ in dem Sinne, dass man einer Sache nachgeht, bis man ans Ende gelangt, bzw. das am weitesten Entfernte erreicht hat, man der Sache also intensiv nachgeht. Deshalb sagt man auch „taqassa l-maudu'a“, womit man aussagen will, dass jemand eine Thematik vollständig untersucht hat und selbst das Letzte bzw. Äußerste davon erfasst hat. Hier ist damit gemeint, dass der Autor sich auf die Erklärung der Ayat konzentrierte.
Es sei nebenbei darauf hingewiesen, dass das Wort „mutaqassiyan“ nicht vom arabischen Wort „qasas“ stammt, das unter anderem auch „Erzählung“ bedeuten kann – auch wenn das Wort qasas und das zugehörige Verb qassa durchaus die Bedeutung von „nachgehen“ und „verfolgen“ in sich trägt. In dieser Bedeutung wird das Wort qasas z. B. im Qur'an (Sure al-Kahf, 18: 64) verwendet. Jedoch müsste in diesem Fall hier im Buchtext „mutaqassisan“ stehen, was nicht der Fall ist. ↩
Hier besteht ein Unterschied zwischen den verschiedenen Ausgaben. In einigen steht „ashbahiha“ und in anderen „ashba'iha“, wobei ersteres offensichtlich das Richtigere ist. Gemeint sind damit hier somit die, die am richtigsten wirken.
Wenn ein Hadith also mehrere Überlieferungswege hatte, bei denen nur geringfügige Unterschiede im Text (Matn) vorliegen oder einige Inhalte fehlen, weil diese nicht weiterüberliefert wurden oder bei der Verschriftlichung verloren gegangen sind, nahm Ibnu Abi Hatim die vollständigere Überlieferung bzw. jene, die ihm am richtigsten erschien.
Dass bei der Verschriftlichung oder auch bei einer Kopie ein Teil verloren geht, konnte bei den damaligen Handschriften leicht passieren, weil einfach ein Teil vergessen wurde oder die Stelle nicht mehr lesbar war. Dies konnte durch diverse Umstände und Umwelteinflüsse geschehen, wie z. B. Feuchtigkeit, was unter anderem auch bei dem Tafsir von Ibnu Abi Hatim vorkam, worauf von den Editoren hingewiesen wurde. Durch den Vergleich verschiedener handschriftlicher Manuskripte (Makhtutat) können solche Stellen herausgefunden werden. ↩
- Der Begriff „Matn“ wird in der Hadith-Wissenschaft gebraucht und bezeichnet den inhaltlichen Teil einer Überlieferung, also den eigentlichen Hadith-Text ohne die Überlieferungskette. Hier sieht man ein Beispiel dafür, dass diese Begriffe auch schon sehr früh so gebraucht wurden. ↩
- Hier sieht man, dass der Begriff „Sahabah“ bei den frühen Gelehrten des Islam bekannt und gebräuchlich war, was der Behauptung einiger Leute entgegensteht, es handle sich dabei um einen konstruierten Begriff. ↩
Hier wird im arabischen Text ebenfalls das Wort Atba'u verwendet. Das Wort „tabi'“ hat jedoch mehrere Plurale, unter anderem den gesunden maskulinen Plural „tabi'un“, und die Plurale „taba'un“, „tubba'un“ und den hier verwendeten Plural „atba'“.
Diese nachfolgende Generation wird als „tabi'u Atba'i t-Tabi'in“, „taba'u Atba'i t-Tabi'in“ oder „tubba'u Atba'i t-Tabi'in“ bezeichnet. Man könnte stattdessen auch „al-akhidhuna min Atba'i t-Tabi'in“ sagen, also diejenigen, die von den Atba'u t-Tabi'in nahmen bzw. überlieferten. ↩