Einige Behauptungen von Prof. Tilman Nagel als Beispiel in diesem Bezug
Wie bereits erwähnt, kommt es unter den heutigen Umständen allzu leicht zu Missinterpretationen von Aussagen über islamische Inhalte. Teilweise wird versucht, schon aus der bloßen Besprechung mancher theologischer Fragen den Vorwurf der Kriminalität und Gewaltaffinität zu stricken. Solche Versuche kommen nicht selten von Politikern, Juristen und angeblichen Islamkennern mit einer klaren politischen Agenda.
Immer wieder erkennt man in diesem Zuge Versuche, Inhalte der islamischen Theologie unter dem Deckmantel der Angst vor dem Islam und der Islamisierung zu kriminalisieren.
Die eben beschriebene Problematik soll verdeutlicht werden anhand einiger Aussagen des Universitätsprofessors Tilman Nagel. Nagel ist ein bekannter Arabist und Islamwissenschaftler, der aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Islam kein Geheimnis macht.
So schreibt z. B. Dr. Ayşe Başol:
Tilman Nagel, geboren im April 1942 in Cottbus im Osten Deutschlands, ist ein bekannter Orientalist und Islamwissenschaftler. Er ist Verfasser von zahlreichen Werken v. a. zur islamischen Geschichte. Einige von diesen werden in den Islamwissenschaften und benachbarten Disziplinen als Standardwerke empfohlen und als Einführungsliteratur gelesen […]
Nagel ist ein Wissenschaftler, der für seine kritische Haltung gegenüber dem Islam bekannt ist. Er ist der Ansicht, dass im Kern des Islam Radikalität und Gewalt vorhanden sind. In seinen Arbeiten konzentriert er sich darauf, dies nachzuweisen.3
Tilman Nagel geht nach dem am Anfang dieses Vorworts beschriebenen Muster so weit, dass er nicht nur eine ganz pauschale Gewaltaffinität bei der salafitischen4 Strömung im Allgemeinen erkennt.
Eine zwingende gewaltsame Bekämpfung jeder nicht-islamischen Einrichtung macht er vielmehr sogar zum Prinzip dieser Strömung und zielt dadurch ganz klar darauf ab, Justiz und Politik in westlichen Ländern zur Kriminalisierung solcher Gesinnungen zu drängen.
In einem mir vorliegenden Gutachten Nagels aus dem Jahr 20125 analysiert er Bücher, die teilweise über die hier erwähnten Prinzipien sprechen.
Dabei befindet er anfänglich wie folgt6:
Im zweiten Teil habe ich den Salafismus als eine Krisenerscheinung des Sunnitentums analysiert, die seit dem frühen 14. Jahrhundert7 mehrfach zu einer endogenen Radikalisierung eines Teils der Sunniten geführt hat und führt. Sie äußert sich in einer unversöhnlichen Ablehnung einer jeglichen nicht unmittelbar der Scharia verpflichteten Daseinsform.
Diese Ablehnung wird zur ersten und wichtigsten Konsequenz des ersten Teils des muslimischen Glaubensbekenntnisses „Es gibt keinen Gott außer Allah" erklärt und zugleich als eine Aufforderung zu entsprechendem Handeln ausgegeben.
Tilman Nagel beginnt an dieser Stelle schon, darauf hinzuweisen, dass Salafiten aus dem Glaubensbekenntnis eine Ablehnung anderer, ihm widersprechender Ideologien, ableiten. Diese Ablehnung enthält zugleich auch „eine Aufforderung zu entsprechendem Handeln”, womit Nagel auf Gewalt anspielt. Deshalb sagt er unmittelbar danach:
„Diese Aufforderung schließt den Jihad gegen die Träger der nicht der Scharia verpflichteten Institutionen ein.“
So einfach ist der geistige Sprung also, wenn man die Richtlinien wissenschaftlicher Arbeit beiseitelässt, um zu einem vorgefassten Ziel zu gelangen – auch wenn es sich um Universitätsprofessoren handelt. Im Folgenden wird dies umso deutlicher.
Es sei hier vorgreifend darauf hingewiesen, dass diese Schlussfolgerung Nagels, die er im weiteren Verlauf auch deutlich formuliert, falsch ist und zahlreiche Richtlinien der islamischen Theologie verkennt. Tatsächlich kennt die Shari'ah viele Zustände, die eine friedliche Koexistenz mit Nicht-Muslimen nicht nur ermöglichen, sondern diese auch zur Verpflichtung machen.
Das islamische Recht formuliert dabei deutliche Richtlinien, welche die Unantastbarkeit von Leben, Besitz und Ehre von Nicht-Muslimen sowie die Einhaltung von Verträgen zur Pflicht machen und reicht bis zum obligatorischen Schutz von Nicht-Muslimen in einer islamischen Gesellschaft8.
Überaus merkwürdig ist die Schlussfolgerung Nagels auch in folgender Hinsicht. Nagel scheint Dinge zu ignorieren, die an sich für jeden völlig selbstverständlich sind, wie den sogenannten „Absolutheitsanspruch“ der Weltreligionen.
Wer unter diesem Wort bloß in der Online-Enzyklopädie Wikipedia nachsieht, der findet dort folgenden Text:
Die Universal- oder Weltreligionen vertreten exklusive Absolutheitsansprüche. Sie beanspruchen für sich oder ihre Lehre, die allein wahre und gültige zu sein.
Zu einem religiösen Glauben gehört die Überzeugung letztgültige Aussagen über die Wahrheit zu machen. Der Anspruch letztgültige Aussagen über die Wahrheit zu machen, wird Absolutheitsanspruch genannt. Daraus folgt, dass jeder religiöse Glaube einen Absolutheitsanspruch besitzt.
Bei C. H. Ratschow, Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, heißt es hierzu:
Zum rel. Glauben gehört in allen Religionen – auch im Buddhismus – die Überzeugung, mit dem eigenen Glauben der letztgültigen Wahrheit teilhaftig zu sein. Wer diese Überzeugung nicht aufbringt, hat an keiner Religion teil. So gewiß die Religionen alle die letztgültige Wahrheit über Gott, Welt und Mensch zu bringen überzeugt sind, sind sie Religionen.
Die Christen haben in diesem Sinne stets ihren Glauben als letztgültige Wahrheit vertreten. […]
Der Muslim vertritt diese Überzeugung auch, und zwar in dem hist. Sinne, daß der Koran zeitlich das letzte der heiligen Bücher und damit die abschließende Offenbarung sei.
Solche Konstruktionen sind Ausdruck der Überzeugung, der letztgültigen Wahrheit im eigenen Glauben teilhaftig zu sein. Kein rel. Glaube kann ohne diese Grundüberzeugung leben.9
Dies ist insofern leicht verständlich, da es einigermaßen unsinnig wäre, einer Lehre zu folgen, sie aber gleichzeitig nicht als die eigentliche Wahrheit zu erachten. In dem Fall könnte man genauso gut jeder anderen beliebigen Lehre folgen und müsste sich nicht auf eine spezielle Religion beschränken. Dies einzufordern, im Sinne eines neuartigen Toleranz-Verständnisses, ist entsprechend absurd.
Umso merkwürdiger, dass Nagel beim sog. Salafismus von diesem Wahrheitsanspruch auch gleich den Sprung zur Gewaltbereitschaft macht. Demgemäß könnte man dies bei so ziemlich jeder Religion schlussfolgern. Mit welchen wissenschaftlichen Maßstäben lässt sich eine solche Vorgehensweise vereinen?
Nagel fährt fort:
Angesichts des Siegeszuges der westlichen materiellen und – in geringerem Maße – politischen Zivilisation ist der „Unglaube“, dem ein Sunnit im Alltag begegnet, wesentlich vielfältiger und zudringlicher als im 14. Jahrhundert. Die endogene Radikalisierung mancher Sunniten kann daher wesentlich krasser ausfallen und richtet sich gegen eine Fülle von Gegebenheiten, die dem in einer säkularen Kultur und Gesellschaft aufgewachsenen Europäer selbstverständlich sind. Der Salafist faßt sie unter dem Begriff des t/Taghut zusammen, […]
Die zuvor erwähnte „Aufforderung zu entsprechendem Handeln“, mit der Nagel den Jihad meint, zwingt dem Salafisten heute also – gemäß der Sichtweise Nagels – umso mehr die Ausübung von Gewalt auf, da er dem „Unglauben“ in dieser Zeit häufiger begegnet.
Die Aussage Nagels, Salafisten oder sonstige Muslime würden alle erdenklichen Formen bzw. Äußerungsformen des „Unglaubens“ als Taghut bezeichnen, ist theologisch gesehen schlicht falsch. Dies, weil der Begriff Taghut ein äußerstes Maß an „Unglauben“ oder eher an Zuwiderhandlung zur Wahrheit nach dem islamischen Verständnis anzeigt. Es gibt also sehr viele Dinge, die als Kufr10 gelten, deshalb aber nicht ohne weiteres als Taghut bezeichnet werden.
Abgesehen davon sei hier darauf hingewiesen, dass Dinge bzw. Personen, die als Taghut klassifiziert werden – ebenso wie bei Nicht-Muslimen oder Dingen bzw. Inhalten, die dem Islam widersprechen – gemäß Shari'ah nicht automatisch bekämpft und vernichtet werden. Dies gilt ungeachtet dessen, ob es sich bei diesem Taghut nun um eine Äußerungsform des Kufr, wie einen Götzen, handelt, oder um eine Person des Kufr, wie z. B. den Pharao zur Zeit Moses, welcher Moses – auch nach jüdischer und christlicher Auffassung – offen anfeindete und bekämpfte.
Hier sei daran erinnert, dass der Prophet صلى الله عليه وسلم selbst 13 Jahre lang in Mekka verweilte, in dem es von Götzen und Götzendienern – also von Taghut bzw. Tawaghit – nur so wimmelte. Während die Muslime in dieser Zeit rituell die Ka'bah umkreisten, war diese innen und außen gespickt von Götzenbildern.
Die Muslime unterließen die Bekämpfung dieser Dinge, Einrichtungen und Personen nicht nur, die Bekämpfung war ihnen sogar ausdrücklich untersagt – und dies trotz Unterdrückung, Boykott und Folter!
Wo ist hier also die These Nagels geblieben, das Glaubensbekenntnis würde immer und automatisch zur Vernichtung aller nicht-islamischen Institutionen zwingen? Gab es im damaligen Mekka irgendwelche anderen Institutionen als ebenjene nicht-islamischen?
Tatsächlich ist das Leben der frühen Muslime in Mekka ein zwingendes Argument, welches Tilman Nagel und seinesgleichen das Eingeständnis der Falschheit ihrer These abverlangt – da die theoretische und praktische Möglichkeit für Gewaltanwendungen sicher vorhanden war.
Nagel führt seine These wie folgt fort:
Die Konsequenz, die ein salafistisch gesinnter Sunnit daraus unter Befolgung des Vorbildes Mohammeds zu ziehen hat, ist der takfir, der wiederum zu einer Lossagung vom bestehenden shirk und zu einer Hijrah zu führen hat.
Ist dies geschehen, so ist die schariatisch legitime Grundlage für den Jihad geschaffen, der, wie gezeigt wurde, in einem Kampf gegen den t/Taghut besteht, der auf vielfältige Weise, u.a. auch mit Waffen, zu führen ist.
Zunächst ist hierzu festzustellen: Der Muslim hat seine Sicht anderer Menschen und damit den sogenannten Takfir11 nicht als eine Reaktion auf irgendwelche gesellschaftlichen oder historischen Gegebenheiten zu formulieren. Wen oder was ein Muslim als Monotheisten, Polytheisten, islamisch oder unislamisch zu sehen hat, wird ihm von den islamischen Quellen vorgegeben. Sicher handelt es sich dabei nicht um eine Konsequenz des „Siegeszuges der westlichen materiellen Zivilisation“, wie Nagel hier glaubt.
Wichtiger ist jedoch, wie Nagel seine These mit einer weiteren Falschbehauptung ausbaut und schließlich deutlich suggeriert, der Sinn der Auswanderung sei stets die Schaffung der Voraussetzungen für den Jihad.
Dabei fragt man sich: Der Sunnit, der auf die Rückbesinnung zu den eigentlichen islamischen Quellen bedacht ist, muss also zu dieser Schlussfolgerung kommen?
Die Schlussfolgerung ist insofern merkwürdig, da die erste und zweifelsohne als Vorbild fungierende Auswanderung des Propheten صلى الله عليه وسلم von Mekka nach Medina doch ein eindeutiger Akt der Flucht und Verteidigung war.
War es denn so, dass die Muslime in Mekka unbehelligt und friedlich leben konnten in jenem Jahrzehnt, aber die ganze Zeit über Pläne schmiedeten, wie sie die Voraussetzungen schaffen könnten, um endlich jene Nicht-Muslime zu töten, die ihnen so friedlich gesinnt waren? Jeder allgemeingebildete Mensch weiß, dass diese Vorstellung absurd ist. Ebenso zeigt sich dies auch an der Auswanderung einer Anzahl von Muslimen nach Abessinien, die schon vor der Hijrah nach Medina stattfand.
Wie zuvor schon angesprochen, verkennt so eine These viele Grundsätze der islamischen Theologie.
Nagel meint schließlich weiter:
Über die heute gegenüber Nichtmuslimen gängige Aussage, der Jihad meine den Kampf gegen die eigene Triebseele und deren unschariatische Neigungen, ist oben ausführlich gesprochen worden. Diese Aussage stimmt mit dem Befund der Quellen nicht überein und ist daher irreführend.
Im salafistischen Zusammenhang ist sie überdies unhaltbar, denn den Salafisten, die den Sufismus strikt ablehnen, ist keineswegs an der Lenkung des Glaubenseifers nach innen, sondern im Gegenteil nach außen gelegen; sie predigen Feindseligkeit selbst gegen die eigene Mutter, sofern sich diese in ihren Augen den geringsten shirk zuschulden kommen läßt.
Das Wort Jihad hat gemäß allen Theologen, Exegeten und Rechtsgelehrten der islamischen Geschichte mehrere Bedeutungen, wovon eine der bewaffnete Kampf zur Beseitigung des Unrechts ist. Dies hat – nebenbei gesagt – ganz und gar nichts mit einer „massenhaften Ermordung unschuldiger Menschen“ zu tun, eine zutiefst irrsinnige Auslegung, wie sie z. B. von einer staatlichen Institution in Graz, Österreich vorgenommen wurde.
Ohne Zweifel ist eine der ganz grundsätzlichen Bedeutungen des Wortes Jihad der unermüdliche Kampf gegen die schlechten Triebe und Neigungen der eigenen Seele, was im Allgemeinen kein gebildeter Salafit vom Grundsatz her anzweifeln wird. Nagel leidet auch hierbei ganz offensichtlich an einem Wissensmangel über Realität und Geschichte der islamischen Welt und der islamischen Literatur.
Dass salafitische Muslime die Befassung mit der Läuterung der eigenen Seele ablehnen würden, weil sie den Sufismus strikt ablehnen, ist eine banale und falsche Schlussfolgerung. In Wirklichkeit waren es gerade Leute wie Ibnu Taimiyyah (661-728 n. H.) und sein Schüler Ibnu l-Qayyim (691-751 n. H.), welche dafür bekannt wurden, über die Krankheiten, Heilung und Läuterung von Herz und Seele mehr zu sprechen, als kaum ein anderer in den späteren Jahrhunderten der islamischen Geschichte12! Nagel selbst schrieb in ebendiesem Text: „Die Grundgedanken Ibn Taimijas prägen den heutigen Salafismus […]“
Korrekter und präziser wäre die Aussage, dass die Anhänger des Sufismus ihren Glaubenseifer ausschließlich nach innen lenken und dieses Extrem von allen anderen Gelehrten zahlreicher Strömungen abgelehnt wird, auch solchen, die von sogenannten Islamwissenschaftlern nicht als salafistische Gelehrte bezeichnet werden.
Viel wichtiger ist jedoch, die absurde Argumentation Tilman Nagels aufzuzeigen, in der er quasi aussagt: „Der salafistische, sich zurückbesinnende Sunnit sieht im Glaubensbekenntnis die Aufforderung zum Handeln. Dieses Handeln kann bei ihm letztlich nur im bewaffneten Kampf münden, weil er ja jegliche Befassung mit dem Inneren ablehnt.“
Es ist eine wahrlich absurde Gedankenabfolge, die von einer neutralen wissenschaftlichen Betrachtungsweise weit entfernt ist. Ebenso wie die Aussage über die Haltung zur eigenen Mutter, die beim aufmerksamen Leser mit einem gewissen Maß an Kenntnis über den Islam Kopfschütteln hervorrufen müsste.
Nagel will also vermitteln, dass alle sogenannten Salafisten mit ihren alleine heutzutage tausenden Predigern, Gelehrten, Akademikern, Juristen und Studenten im von ihm beschriebenen Fall die Feindseligkeit zur eigenen Mutter vorschreiben? – wobei laut Nagel mit Feindseligkeit in diesem Kontext natürlich auch offene Feindschaft, Gewalt und Kampf gemeint sein kann13.
Ohne Zweifel klassifiziert Nagel auch Leute wie mich als durch und durch salafistisch. Alleine an diesem Beispiel widerlegt sich schon die Behauptung Nagels, da ich in meinen Publikationen bereits vor vielen Jahren darauf hingewiesen hatte, dass der Qur'an klar aufträgt, den Eltern gegenüber gutes Verhalten zu zeigen – selbst, wenn diese Polytheismus begehen, sogar auf diesem beharren und ihr Kind dazu drängen! Hierzu heißt es im Qur'an (Sure Luqman, 31:15):
﴿وَإِنْ جَاهَدَاكَ عَلَى أَنْ تُشْرِكَ بِي مَا لَيْسَ لَكَ بِهِ عِلْمٌ فَلَا تُطِعْهُمَا وَصَاحِبْهُمَا فِي الدُّنْيَا مَعْرُوفًا ...﴾
Und wenn sie beide14 dich aber bedrängen, damit du Mir das beigesellst15, worüber du kein Wissen besitzt,
So gehorche ihnen nicht, doch geh mit ihnen im Diesseits auf rechte Weise16 um.
(Sure Luqman, 31:15)
Wie man an dem Vers sehen kann, wird diese Angelegenheit im Qur'an also ausdrücklich thematisiert. Unvorstellbar also, dass gerade jene unzähligen Salafisten, denen das übertrieben strikte Festhalten am Wortlaut der islamischen Quelltexte vorgeworfen wird, gemäß Nagels Behauptung agieren. Das hier Gesagte zeigt also wiederum deutlich, wie realitätsfern und unwissenschaftlich die verallgemeinerten Aussagen Tilman Nagels in diesem Bezug sind.
Schließlich resümiert Nagel und kommt dabei zur deutlichen Formulierung seiner Behauptungen:
Das ganze mir zur Begutachtung vorgelegte Schrifttum wendet sich an Muslime, solche, die in einem islamischen Staat leben und solche, die in einen Staat säkularer Ordnung ausgewandert sind.
Die Schriften enthalten, sofern sie sich auf die Grundsätze des Islams (din, shirk, kufr) beziehen, einen indirekten, sofern sie auf die Gegenwart zu sprechen kommen, einen direkten Appell zur Mißachtung und zur Zerstörung jeglicher säkularer oder der westlichen Säkularität entlehnter Ordnung und zur Vernichtung der sie tragenden Institutionen.
Die Bekräftigung dieses Appells durch das Zeigen schwarzer Flaggen verschärft den Appell an die abseits stehenden Glaubensbrüder: Es ist ein Endzeitkampf, der begonnen hat, es ist die allerhöchste Zeit, sich auf die Seite der künftigen Paradiesbewohner zu stellen.
Im Hinblick auf die eingangs beschriebene Verfaßtheit des Islams sowie in Anbetracht der Übereinstimmung des Appells mit den Grundzügen des Sunnitentums üben die Verbreiter des salafistischen Gedankenguts einen erheblichen Druck auf die gesetzestreue muslimische Bevölkerung aus, zumal da der Salafismus eben nicht den Lehren des Sunnitentums widerspricht, sondern sich als deren gewissenhafte Verwirklichung auszugeben vermag.
Man bedenke aufmerksam: Laut Nagel beinhaltet also der Salafismus, welcher die eigentliche Verwirklichung des Sunnitentums darstellt und diesem auf jeden Fall nicht widerspricht, „Einen direkten Appell zur Mißachtung und zur Zerstörung jeglicher säkularer oder der westlichen Säkularität entlehnter Ordnung und zur Vernichtung der sie tragenden Institutionen.“
Wer meint, es ginge Tilman Nagel hier nur um spezielle Schriften, der hat offenbar übersehen, dass Nagel hier mehrfach erklärt, all diese Inhalte wären dem Salafismus und im Ursprung dem Sunnitentum zu eigen.
In Bezug auf die begutachteten Schriften ist zu sagen: Wäre Nagel wissenschaftlich vorgegangen, hätte er für seine eindeutige Behauptung des Aufrufs zur Gewaltausübung ganz konkrete Stellen aus all diesen Schriften (!) zitieren müssen, die dies auch eindeutig zeigen.
Dies war aber nicht möglich, da in mehreren jener von ihm begutachteten Bücher, wie ich definitiv bestätigen kann, keine einzige solche Stelle zu finden ist, ganz zu schweigen von schwarzen Flaggen und Endzeitkampf.17 Das seit Menschengedenken bekannte „in einen Topf werfen“, welches auch Nagel hier praktiziert, hat mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun.
Dieses gesamte „Spiel“ hat natürlich ernsthafte juristische Folgen. Nagel liefert hier die Vorlage für eine Kriminalisierung von unerlässlichen Elementen der islamischen Theologie, was ihm natürlich sicher bewusst sein wird.
Wenn jemand für die bloße Besprechung solcher theologischer Fragen wegen seiner Gesinnung für zwei, fünf oder gar zehn Jahre hinter Gittern landet, dann ist Nagel nicht etwa ein Fehler unterlaufen. Nein, genau dann wurde das Ziel erreicht – dies könnte bei so einer Vorgehensweise offensichtlicher kaum sein.
Es hat sich also deutlich gezeigt, dass Nagel von Anfang an auf den folgenden, in absurder Weise verallgemeinerten Gedankengang hinauswollte18:
Wer sich heute auf die Quellen des Islam und auf die „Altvorderen“ (Salaf) zurückbesinnt und über die theologische Aussage des Glaubensbekenntnisses und Begriffe wie Din, Shirk, Kufr, Takfir, Tauhid etc. spricht, der hat damit teils indirekt und – vor allem in Bezug auf die gegenwärtige Realität – teils direkt zur Gewaltanwendung in nicht-muslimischen, säkularen Gesellschaften aufgerufen. Ganz konkret ruft man damit auf „zur Zerstörung jeglicher säkularer Ordnung und zur Vernichtung der sie tragenden Institutionen“ – gemäß dem Verständnis von Tilman Nagel.
Das heißt – nach der Darstellung von Nagel –, dass so jemand ganz klar und ausdrücklich dazu aufruft, in solchen Ländern Parlamente, Gerichtshöfe, Polizeistationen und jede nur vorstellbare Institution anzugreifen.
Wenn jemandem heutzutage derartige Taten oder Absichten unterstellt werden, ohne dafür einen einzigen Beleg, eine konkrete Aussage vorzulegen, dann würde man dies im Normalfall sofort als Verleumdung einordnen. Nicht aber, wenn es in der gegenwärtig aufgeheizten Situation um Muslime geht, die über theologische Grundsätze ihrer Religion sprechen.
Selbst ein Universitätsprofessor wie Tilman Nagel kann dann einfach solche Behauptungen aufstellen, die von einem Richter ohne zu zögern übernommen werden und in Wirklichkeit schon das eigentliche Urteil darstellen. Schließlich handelt es sich – wird in solchen Fällen allzu schnell argumentiert – um einen renommierten Fachmann, dessen Beurteilung nicht ohne weiteres angezweifelt werden könne.
Der erste erhebliche Fehler Nagels bestand schon darin, ein völlig unwissenschaftliches, pauschales Urteil über eine Anzahl von Büchern zu fällen, die ganz und gar nicht einheitlich sind, was einen erheblichen Unterschied bei der Beurteilung nach sich ziehen müsste.
Das Erschreckende bei der ganzen Sache ist, dass jemand in der Position eines Gutachters wie Tilman Nagel für den expliziten Vorwurf des Aufrufs zur Gewaltanwendung überhaupt keinen klaren Beleg mehr vorbringen muss. Als angeblicher Fachmann muss er einfach nur aussagen, dass sich das – irgendwie – aus deren Überzeugungen ergibt und schon lässt sich eine Inhaftierung in die Wege leiten.
Das Wort „gesetzestreu“, welches Nagel hier verwendete, ist in diesem Zusammenhang übrigens irreführend. Wären mit jener „Treue“ nur die Menschen gemeint, die – genauso wie Tilman Nagel – die Gesetze in säkularen Gesellschaften als das Nonplusultra der menschlichen Entwicklung ansehen, wäre dies einigermaßen absurd. Schließlich können auch solche Menschen in diesen Gesellschaften friedfertig und innerhalb des gesetzlichen Rahmens leben, die sich mit den Werten und Gesetzen nicht vollends identifizieren können – wie z. B. Monarchisten oder Kommunisten. Gemäß den Formulierungen Nagels, könnte automatisch angenommen werden, dass solche Leute nicht gesetzestreu sind.
Nachdem Nagel also den Salafismus und sodann das eigentliche Sunnitentum als die Wurzel des ganzen Übels ausgemacht hat, meint er abschließend:
Darüber hinaus geht von diesem Gedankengut ebenfalls eine erhebliche Gefahr für den inneren Frieden einer säkularen Gesellschaft aus, die eine grundsätzliche Zustimmung zu ihren Prinzipien voraussetzt und die eine grundsätzliche Ablehnung ihrer Prinzipien nicht auf Dauer aushalten kann.
Nagel will hier abschließend nochmals eine ideologische Vorgabe machen und, wie klar zu sehen ist, der Justiz auch für die Zukunft den Weg für den Umgang mit solchen Gesinnungen weisen.
Man könnte sich hier fragen, was solche Appelle in einem Gutachten zu suchen haben, aber Nagel ist es offenbar ein sehr dringendes Anliegen, bei jeder Gelegenheit vor dieser großen Gefahr zu warnen.
Ebenso fragt man sich, wie dann z. B. ein Monarchist oder Kommunist, der die Grundlagen der Demokratie ablehnt, in der Geisteswelt Nagels und seinesgleichen von der Demokratie ausgehalten werden kann.
Um die etwas verdeckte Botschaft wieder ein wenig zu entwirren: Nagel appelliert also abschließend – durch die zuvor zitierten Aussagen19:
Seid vorsichtig! Wer sich von den Muslimen auf die ursprüngliche Lehre zurückbesinnt und über theologische Grundbegriffe spricht, der ruft damit ausdrücklich zum Kampf gegen alles und jeden in unserer Gesellschaft auf und verhält sich somit kriminell. Von so jemandem geht eine erhebliche Gefahr aus. Unsere demokratische Gesellschaft kann Leute, die unser System nicht anerkennen, auf Dauer nicht aushalten. Deshalb müssen solche Leute unbedingt unschädlich gemacht werden. Dies gilt ganz allgemein und natürlich im Speziellen für die Personen, die Gegenstand dieser Begutachtung sind.
Eine ruhige und friedliche Befassung mit den Grundsätzen der islamischen Theologie ist somit ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Die einzige tolerierbare Gesinnung ist jene, die ausschließlich über Barmherzigkeit spricht und sich – nach sufistischer Manier – nur noch mit dem Inneren des Herzens beschäftigt, nach welchen Regeln dies auch immer geschehen mag. Ausgeschlossen bei der „Erforschung des Herzens“ sind natürlich theologische Überzeugungen, denn diese führen bei Muslimen gemäß Nagel zu gefährlichen Gesinnungen.
Ebenso wird durch derartige Ausführungen das Leben von Muslimen, die sich auf die ursprüngliche Lehre ihrer Religion besinnen und ihre Quellen erforschen, aber friedlich mit Nicht-Muslimen zusammenleben können, unvorstellbar.
In der tatsächlichen Welt, abseits der beeinflussten Gedankenkonstrukte irgendwelcher angeblicher Islamkenner, verhält es sich jedoch ganz und gar nicht so, wie ein Blick in die Geschichte deutlich zeigt. Und auch in der eigentlichen islamischen Theologie und dem islamischen Recht, ist dies nicht der Fall.
Es ist erstaunlich, wie viele fehlerhafte Darstellungen Tilman Nagel in so einem kurzen Absatz unterbrachte, wobei es sich um jemanden handelt, der für seine Kenntnisse des Islam in den höchsten Tönen gelobt wird.
Dabei ist zu bedenken, dass Nagel bei weitem mehr Kenntnis über die islamische Theologie besitzt, als andere angebliche Islam-Experten, wie z. B. Guido Steinberg, dessen teils skurrile Behauptungen in einer eigenen Publikation20 aufgearbeitet wurden. Politikwissenschaftler wie Steinberg haben keine fundierten Kenntnisse über islamische Theologie und das islamische Recht. Ihr Wissen über den Islam wurde am Rande ihrer rein politikwissenschaftlichen Recherchen zusammengetragen. Es verwundert nicht, dass es auf diesem Wege sehr leicht zu weiteren fehlerhaften Behauptungen kommt, wie an anderer Stelle bereits an zahlreichen Beispielen gezeigt wurde.
Fußnoten
In ihrem Artikel zu der von Nagel verfassten Biografie: Das Bild des Propheten Muhammad in Tilman Nagels Werk „Muhammad. Leben und Legende“
Ayşe Başol erwähnt an jener Stelle, dass Nagel von 2004 bis 2007 ihre akademische Arbeit betreute.
Vor allem für seine Prophetenbiografie von großem Umfang wird Tilman Nagel in den höchsten Tönen gelobt. Es ist von einem Jahrhundertwerk die Rede – jedoch in erster Linie von Korrespondenten diverser Zeitungen, die zweifelsohne keine fachkundige Einschätzung zu derartiger Materie abgeben können.
Tatsächlich wurde das betreffende Werk von Nagel auch in seinem eigenen Kollegium grundlegend dafür kritisiert, dass der Verfasser bei der Quellenerhebung nicht zu den chronologisch gesehen primären Quellen vordrang, sondern sich mit späteren Quellen begnügte, die seine Thesen stützten – sicherlich ein fundamentaler Qualitätsmangel wissenschaftlicher Arbeit.
Başol bemerkt hierzu: „Auf einem Symposium an der Universität Frankfurt im Jahre 2009 hat der deutsche Orientalist Gregor Schoeler einen Versuch hierzu unternommen. Sein Ergebnis war, dass Nagel sich nicht bis zu den frühsten Quellen durchgearbeitet hatte und nur jenen Versionen der Überlieferungen Bedeutung beimaß, die seine Thesen zu unterstützen schienen, ohne dabei auf die Thematik zu achten.“
Wie bei westlichen Islamwissenschaftlern nicht unüblich, werden auch bei Nagel in erster Linie jene Überlieferungen herangezogen, die ihm für seine persönlichen Thesen nützlich scheinen. Alle anderen Überlieferungen, die solchen Thesen widersprechen, werden einfach diskreditiert, selbst wenn sie bei weitem authentischer sind. Daraus erklärt sich, wie Nagel zu zahlreichen skurrilen, neuartigen Thesen gelangte, die weit von den anerkannten Meinungen abweichen. Bei Leuten ohne Hintergrundwissen, mit einem Hang zum Populärwissenschaftlichen mag Nagel mit solchen Thesen etwas Sensationelles hervorgebracht haben. Wer diese Wissenschaften jedoch studiert, kann den Behauptungen Nagels häufig nur mit müdem Kopfschütteln begegnen.
Die Selbstsicherheit vieler Orientalisten bezüglich ihrer völlig neuartigen, mehr als ein Jahrtausend später konstruierten Hypothesen erreicht teilweise ein absurdes Ausmaß. Başol schreibt hierzu:
„Es entgeht nicht der Aufmerksamkeit, dass die Leistungen Muhammads (صلعم) Permanent negiert werden. […] Stellenweise begibt er [Anm.: also der Verfasser, Tilman Nagel] sich sogar in die Gedanken des Propheten und weiß, was der Prophet zu einem bestimmten Zeitpunkt geradezu gedacht hatte. Der Autor, der einen ausgesprochen rigiden Sprachstil verwendet, weiß mit nahezu absoluter Gewissheit, was in Wirklichkeit wie geschehen war.“
Im arabischen Raum würden solche Werke, wie die Propheten-Biografie von Tilman Nagel, zweifelsohne überhaupt nicht ernst genommen und sich einer vernichtenden Hadith-wissenschaftlichen Kritik gegenübersehen. Es kommt deshalb nicht von Ungefähr, dass Orientalisten ihre „Meisterwerke“ nicht ins Arabische übersetzen. Vielmehr war der Orientalismus von Anbeginn eine eingeschworene und abgegrenzte Gemeinschaft, wenn man so will: Eine völlige Parallelgesellschaft zu den eigentlichen islamischen Wissenschaften.
Da sich nun aber mehr und mehr auch z. B. deutsch- oder englischsprachige Muslime in ihrer Muttersprache mit solchen Werken auseinandersetzen können, halte ich es für wahrscheinlich, dass die Kritik an orientalistischen Werken in deren Originalsprache stark zunehmen wird.
In seinem Buch „Die Geschichte der islamischen Theologie“ (erschienen 1994 bei C.H.Beck, Seite 84) versucht sich Nagel auf absurde Weise ein bisschen als Hadith-Wissenschaftler und meint bezüglich eines der bedeutendsten Überlieferer der gesamten islamischen Überlieferungsgeschichte, Sufyan ibnu 'Uyaynah (107-198 n. H.): Bei der erwähnten Überlieferung „… Wird uns […] der fromme Betrug fast schon zur Gewissheit.“
Die ahnungslose deutsche Leserschaft versteht dabei nicht, dass Nagel im Grunde überhaupt keine Ahnung von Hadith-Wissenschaften und der Analyse von Überlieferungsketten hat. Dass so jemand sich ein solches Urteil über einen tausendfach untersuchten und bestätigten Überlieferer anmaßt, spricht Bände über Nagel und seinesgleichen. Es verwundert geradezu, dass jemandem, der so selbstsicher hantiert wie Nagel, ein solch „frommer Betrug“ nur „fast“ zur Gewissheit wurde.
Auch wenn dies nicht der Ort ist, die ganze Thematik im Detail auszuführen, sollte der Hinweis auf derartig gravierende Unwissenschaftlichkeiten nicht fehlen. Hinweise auf Vorgehensweisen dieser Art helfen, die vermeintliche „Wissenschaftlichkeit und Korrektheit“ in den folgenden Ausführungen Nagels besser zu verstehen.
Trotz dieser deutlich islamkritischen Haltung Nagels merkt Başol – durchaus erwähnenswert – an: „An dieser Stelle ist es wichtig, zu wissen, dass Nagel zu jenen Forschern gehört, die die Authentizität des Korans nicht infrage stellen.“ ↩
- Das Wort „salafitisch“ bedeutet etwa: sich auf die Salaf (Vorfahren/Altvorderen) zurückbesinnend. Hier bewusst ohne s geschrieben, da das Wort „salafistisch“ durchweg negativ konnotiert ist. ↩
- Aufgrund der schlechten Qualität des Dokuments ist die Jahreszahl nicht mit Sicherheit zu erkennen, jedoch muss das Gutachten etwa in diesem Zeitraum angefertigt worden sein. ↩
- Bei allen Zitaten in diesem Buch wird der Text immer in seiner ursprünglichen Schreibweise wiedergegeben. ↩
Die Vorstellung des sogenannten Salafismus als historisch gesehen erste Rückbesinnung auf die eigentlichen Quellen des Islam, ist eine weit verbreitete Idee unter sogenannten Islam-Experten, die sich mit der Geschichte der islamischen Theologie überhaupt nicht vereinen lässt.
Auch von Strömungen der islamischen Welt, die sich in Opposition zu den salafitischen Ausrichtungen sehen, ist diese Behauptung immer wieder hörbar. Sufistische und philosophische Ausrichtungen bedienen sich häufig dieser Argumentation.
Das Ziel dahinter ist, diverse theologische Inhalte, die solche Gruppen nicht für sich annehmen können, als unerlaubte Neuerungen zu brandmarken, die erstmalig von Leuten wie Ibnu Taimiyyah im 8ten Jahrhundert erfunden worden wären und deshalb in der islamischen Lehre eigentlich überhaupt keine Berechtigung hätten.
Ohne Zweifel gab es seit der Frühzeit des Islam jedoch eine breite und nahtlose Linie von Vertretern einer solchen Rückbesinnung auf die islamischen Quellen. Wie auch nicht? Aus Sicht der bloßen historischen Entwicklung wäre es unvernünftig, etwas anderes anzunehmen.
Schließlich ist es einigermaßen absurd, zu glauben, dass unter der enormen Vielzahl an muslimischen Theologen über Jahrhunderte hinweg niemals einige davon eine solche Rückbesinnung forderten und umsetzten, bis schließlich ein Gelehrter im 7ten oder 8ten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung auftauchte, um diese Idee erstmals zu entwickeln.
Präziser wäre es, zu sagen, dass durch die genannten Gelehrten eine solche Forderung intensiviert wurde, wobei auch dies nicht ganz den Tatsachen entspricht. Tatsächlich wurde diese Rückbesinnung zu jedem Zeitpunkt vehement eingefordert. Am ehesten kann deshalb vielleicht gesagt werden: Zur Zeit der genannten Gelehrten im 7ten und 8ten Jahrhundert fand der Appell mehr Gehör, der Unterschied zu vorherrschenden Lehren wurde deutlicher und es kam zu einer stärkeren Diskussion dieser Themen in der Gesellschaft. ↩
- Siehe dazu: „Die Lehre des Monotheismus“, vom Verfasser des vorliegenden Buches. Wie bereits erwähnt, wird diese Thematik im umfassenden Vorwort des Buches eingehender behandelt. ↩
- C. H. Ratschow: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Band 1. SCM R. Brockhaus, 1992, Absolutheit des Christentums, S. 13. ↩
Das arabische Wort Kufr wird im Deutschen gemeinhin als „Unglaube“ übersetzt. Dabei ist jedoch Folgendes zu bedenken:
Ebenso wie der Gegensatz des Kufr, der Iman, nicht auf das bloße „Glauben“ beschränkt werden kann, kann auch der Kufr nicht auf das bloße „Nicht-Glauben“ bzw. auf die bloße Unkenntnis der Wahrheit reduziert werden.
Ein Mensch kann für sich selbst die Richtigkeit des Islam voll und ganz erkannt haben, gleichzeitig aber den Islam als Ganzes oder Teile davon ablehnen.
Siehe zu den beiden Begriffen Iman und Kufr: „Die Lehre des Monotheismus“ (2021), sowie vor allem: „Das islamische Glaubensbekenntnis“ (2019, beide vom Verfasser des vorliegenden Buches), in dem diese Thematik in mehrerlei Hinsicht verdeutlicht wird. ↩
- Siehe auch zum Thema Takfir und der von Guido Steinberg und anderen konstruierten „Gruppe“ des angeblichen „Takfirismus“ das bereits erwähnte Vorwort des Buches „Die Lehre des Monotheismus“. ↩
Wobei erwähnt werden sollte, dass die diesbezüglichen Werke von Autoren der späteren Jahrhunderte islamischer Geschichte allesamt auf die frühen und umfassenden Werke der ersten Jahrhunderte zu diesen Themen zurückgehen. Zahlreiche der bekannten frühen Hadith-Gelehrten (Salaf), die in Wirklichkeit die ursprünglichen Vertreter jener „salafitischen“ Lehre sind, verfassten Bücher über „Zuhd“ und „Raqa'iq“.
So z. B. der bekannte Gelehrte Ahmad ibnu Hanbal (164-241 n. H.), nach dem sich die hanbalitische Rechtsschule gründete und der gerne als Bezugspunkt der sogenannten Salafisten vor Ibnu Taimiyyah gesehen wird. Ahmad ibnu Hanbal verfasste das Buch Kitabu z-Zuhd zu ebendieser Thematik.
In solchen Büchern ging es um die Enthaltsamkeit vom Diesseitigen, die Zügelung der eigenen Begierden, das gute Verhalten und um Überlieferungen, die das Emotionale in positiver Weise beeinflussen sollten. Deshalb verwundert es nicht – im Gegensatz zur Behauptung Nagels –, dass Strömungen, die sich auf diese Ursprünge zurückbeziehen, sich auch mit Werken über diese Themengebiete befassten. ↩
- Dies gilt ganz abgesehen davon, dass der „geringste shirk“, von dem Nagel hier spricht, theologisch auch den sogenannten „kleinen Shirk“ (Shirk asghar) einschließt, was die Schilderung umso abwegiger erscheinen lässt. ↩
- die beiden Eltern ↩
- Es wird das Wort Tushriku/Shirk gebraucht, welches den Polytheismus beschreibt. ↩
- auch „in rechtlicher Weise“ und „nach Gebilligtem“ ↩
Dies kann ich mit Bestimmtheit sagen, da sich unter diesem „ganzen Schrifttum“, welches Nagel begutachtete, auch eine oder wenige damalige Publikationen von mir befanden. In diesen gab es keinerlei Gewaltaufruf, keine schwarzen Flaggen und kein Gerede über Endzeitkampf.
Man fragt sich nun, wie ein Universitätsprofessor es sich leisten kann, derart groteske Unwissenschaftlichkeiten zu fabrizieren – wenn nicht aus moralischen Bedenken, so doch zumindest aus Angst um die eigene Reputation. Der Grund dafür könnte in der Tatsache liegen, dass es sich bei dem Gutachten nicht um eine öffentliche Publikation handelte. Nicht, dass Unwissenschaftlichkeiten dieser Art in öffentlichen Publikationen nicht vorkommen würden – sie sind vielmehr an der Tagesordnung, vor allem wenn der Islam analysiert wird. Aber Tilman Nagel, wie auch Guido Steinberg, glauben offenbar, dass sie sich innerhalb ihrer Gutachten abseits der Öffentlichkeit noch mehr Freiheiten für absurde Pauschalisierungen und groteske Schlussfolgerungen leisten können. Offenbar gehen sie davon aus, dass diese Texte ohnehin nie von einem Menschen mit Verstand und gewisser Fachkenntnis eingesehen werden und die betroffenen „Islamisten“ ohnehin völlig unfähig sind, die Aussage des Textes zu verstehen. ↩
- Hierbei handelt es sich also nicht um ein Zitat Nagels, sondern um eine Wiedergabe des Inhalts der zuvor zitierten Aussagen. Deshalb wurde der Text hier auch nicht als Zitat formatiert. Es soll nicht der Eindruck entstehen, man wolle Nagel Aussagen zuschreiben, die er nicht getätigt hat. Seine zuvor zitierten Aussagen sind äußerst deutlich, die gesamte Bedeutung und die Tragweite des von ihm Gesagten sind jedoch für viele Leser nicht offensichtlich – nicht zuletzt wegen der verkomplizierten Ausdrucksweise des Autors. Deshalb sollten sie hier für den Leser lediglich vereinfacht werden. ↩
- Auch hier gilt das zuvor Gesagte: Hierbei handelt es sich also nicht um ein Zitat Nagels, sondern um eine Wiedergabe des Inhalts der zuvor zitierten Aussagen. Deshalb wurde der Text hier auch nicht als Zitat formatiert. Es soll nicht der Eindruck entstehen, man wolle Nagel Aussagen zuschreiben, die er nicht getätigt hat. Seine zuvor zitierten Aussagen sind äußerst deutlich, die gesamte Bedeutung und die Tragweite des von ihm Gesagten sind jedoch für viele Leser nicht offensichtlich – nicht zuletzt wegen der verkomplizierten Ausdrucksweise des Autors. Deshalb sollten sie hier für den Leser lediglich vereinfacht werden. ↩
- vom Verfasser des vorliegenden Buches. ↩