Inhaltliches Vorwort zum Buch
Die Frage des Regierens mit nichtislamischen Gesetzen und ob bzw. wann es sich dabei um Kufr handelt sorgt seit langer Zeit für viele Diskussionen.24 Dabei spielt vor allem folgende Ayah25 aus dem Qur'an immer wieder eine große Rolle:
﴿... وَمَنْ لَمْ يَحْكُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ فَأُولَئِكَ هُمُ الْكَافِرُونَ﴾
… Und wer nicht mit dem richtet26, was Allah herabgesandt hat, so sind jene die Kafirun.
(Sure Al-Ma'idah, 5:44)
Viele der Diskussionen drehen sich darum, wie diese Ayah richtig zu verstehen ist, also um den Tafsir der Ayah, und letztlich steht dabei die Frage im Vordergrund, ob die Aussage(n) des Prophetengefährten 'Abdullah ibnu 'Abbas (3 v. H. - 68 n. H.) zu dieser Ayah authentisch überliefert wurden und wie diese überhaupt zu verstehen sind. Deshalb soll im vorliegenden Buch ebendiese Frage näher beleuchtet werden.
Von Ibnu 'Abbas wird überliefert, dass er zu dieser Stelle des Qur'an sagte: „Kufr duna Kufr“, was bedeutet, dass es sich dabei um Kufr „unter27“ dem eigentlichen Kufr handelt, also um kleinen Kufr, den sogenannten Kufr asghar.
Man sieht nun, wie bei der Diskussion dieser Angelegenheit im Allgemeinen drei Positionen eingenommen werden:
- Diese Aussage von Ibnu 'Abbas wäre nicht authentisch überliefert worden und ist somit abzulehnen. Stattdessen gäbe es eine andere Aussage von Ibnu 'Abbas, die das Gegenteil aussagt.
- Diese Aussage sei authentisch überliefert und wurde auch von der islamischen Gelehrsamkeit als Tafsir für diese Stelle im Qur'an angenommen.
- Es gab angeblich schon unter den Prophetengefährten رضي الله عنهم einen Meinungsunterschied darüber, ob diese Ayah auf die eine oder die andere Art ausgelegt werden müsste – und dieser Meinungsunterschied bestand deshalb auch unter den Gelehrten danach weiter.
Die Diskussion zwischen den Vertretern dieser Ansichten verläuft seit langer Zeit mehr oder weniger heftig und dies hat vor allem auch politische Gründe.
Die einen wollen beweisen, dass jener überlieferte Tafsir nicht richtig überliefert ist und Ibnu 'Abbas nicht zugeschrieben werden dürfe, um so zu zeigen, dass die Regenten der heutigen islamischen Welt keine Muslime sind.
Die anderen wollen ebendiese Strömungen und Gruppen widerlegen und sehen das größte Übel der gegenwärtigen islamischen Gemeinschaft in ebenjener Idee, diese Regenten seien keine Muslime. Sie verorten also das so ziemlich größte Übel in der von ihnen so oft benannten „Fitnah des Takfir“, was solche Leute häufig so weit führt, den Takfir grundsätzlich abzulehnen und dem nicht-gelehrten Muslim ausnahmslos zu verbieten.
Im relativ kurzgefassten Rahmen dieser Schrift kann auf diese grundlegenden Differenzen nicht vollständig eingegangen werden. Vielmehr geht es um die folgenden Fragen:
- Wie ist beim Tafsir des Qur'an allgemein vorzugehen?
- Wie sind dabei die Aussagen der Prophetengefährten (Sahabah) und der ihnen nachfolgenden Generationen, also der Tabi'in und der Atba'u t-Tabi'in zu bewerten?
- Wie verhält sich dies im Speziellen bei dieser Stelle des Qur'an?
Die Konzentration soll auf der Frage liegen, wie die frühen Gelehrten der Salaf mit den Tafasir der ersten Generationen umgegangen sind und im Speziellen mit der genannten Überlieferung von Ibnu 'Abbas.
Fußnoten
- Es sei am Beginn dieser Schrift erwähnt, dass ich bereits vor einigen Jahren etwaige frühere Publikationen allgemein zur Überarbeitung der Inhalte zurückgezogen habe. Es gilt somit ganz grundsätzlich, dass jede neuere Abhandlung die entsprechenden früheren Abhandlungen aufhebt und ersetzt. ↩
- Pl. Ayat, ein Vers aus dem Qur'an. ↩
- Das arabische Wort Hukm wird im Sinne von urteilen, richten und regieren verwendet. Im weiteren Verlauf dieser Schrift, wie auch im Titel, wird bei der Übersetzung nur der Ausdruck „nicht mit dem richtet“ verwendet. ↩
- Das arabische Wort Duna hat verschiedene Bedeutungen. Es kann hier auch im Sinne von: „Kufr, abseits von Kufr“ oder „Kufr, ohne Kufr“ verstanden werden. ↩