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Der behauptete Grundsatz, sich auf die Salaf zu beziehen, im Vergleich zur Realität

Hauptteil · Volltext-Kapitel aus der Schrift Der Weg der Salaf – Eine andere Welt · Als PDF lesen

All jene, die meinen, sich auf die Salaf zu beziehen, machen genau diesen Punkt zur grundlegendsten Angelegenheit ihres manhaj.

Man müsste also annehmen, dass sie alle sich in erster Linie mit den Werken, den Aussagen und den Texten der ersten Jahrhunderte beschäftigen. Blickt man in die Realität, so sieht man das genaue Gegenteil.

Die Glaubensgrundlagen ('aqidah) werden eigentlich nur von Gelehrten ab dem 8. Jahrhundert nach der hijrah genommen. Dies geht soweit, dass bei Meinungsunterschieden unzählige und endlose Diskussionen darüber geführt werden, was Ibnu Taimiyyah mit einer seiner Aussagen nun wirklich meinte. Letztlich ist – bei solchen Diskussionen und ihren Teilnehmern – die richtige Ansicht im Islam das, was Ibnu Taimiyyah oder Muhammad ibnu 'Abdi-l-Wahhab wirklich meinten. Es geht also nur darum, dies herauszufinden. Wenn dies geschafft ist, dann glaubt man zu wissen, was die Salaf wirklich sagten.

Ich hatte dies schon vor zehn Jahren sehr kritisiert – im geschlossenen Kreis, muss ich dazu sagen – aber es wurde nicht so richtig verstanden4. Die ganze Tragweite der Problematik, auch das kann ich hier sagen, war mir selbst ebenso nicht bewusst.

Aber ich reagierte darauf vor allem damit, die Beweisführung in meinen Büchern nicht mehr auf die Aussagen dieser Gelehrten zu bauen, sondern auf den Beweis aus dem Qur'an und der Sunnah. Dass dies alleine auch nicht vor falschen Verständnissen schützen wird, war mir damals nicht so bewusst wie heute und es wird sich an den kommenden Punkten noch weiter verdeutlichen.

Jedenfalls wollte ich damals aus dem endlosen Rad der Diskussionen aussteigen, die sich immer nur um die Frage drehten: „Was hat der (späte) Gelehrte wirklich gemeint?“.5

Ebenso wie in Bezug auf die Glaubensgrundlagen verhält es sich im Grunde auch bei den anderen Wissensgebieten.

Bei den hadithen trachtet man seit einigen Jahrzehnten danach, eine völlige Neubewertung vorzunehmen, als ob die damaligen Gelehrten einfach nicht den richtigen Durchblick gehabt hätten.

Heute hätten die Menschen jedoch die Möglichkeit, alles zu vergleichen und deshalb hätten sie das Recht oder gar die Pflicht, die Urteile der frühen Gelehrten zu kritisieren bzw. auch häufig abzulehnen und das eigene Urteil vorzuziehen.

In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt. Die frühen Gelehrten lebten in einer Umgebung, in der sie Zugriff auf unzählige schriftliche Quellen des überlieferten Wissens hatten, die heute gar nicht mehr vorhanden sind, ganz zu schweigen von dem permanenten Kontakt mit unzähligen Gelehrten mit einem enzyklopädischen Wissen.

Im tafsir weiß die Allgemeinheit der Menschen heute nicht einmal mehr, dass es sich um ein überliefertes Wissen handelt. Die alten tafasir und ihre Verfasser sind den Menschen im Allgemeinen gar nicht mehr bekannt und in vielleicht einem bekannteren Ausnahmefall liest niemand von der Allgemeinheit darin und ist auch gar nicht fähig, den Text zu verstehen.

Wichtiger ist jedoch, dass jene maschayikh, die über den tafsir sprechen, sehr oft die alten Aussagen über den tafsir abtun und vor ihren Zuhörern nicht einmal erwähnen. Viele in den alten tafasir erwähnten Aussagen scheinen den schuyukh von heute derart absurd, dass diese bei ihnen noch nicht einmal wert sind, überhaupt erwähnt zu werden. Manche davon werden als unsinnig und dem din grundlegend widersprechend angesehen, weshalb es ihrer Ansicht nach geradezu eine Pflicht ist, diese Dinge nicht weiterzugeben.

Solche Aussagen werden dann vor allem mit folgenden Behauptungen abgelehnt:

  1. Sie wären schwach überliefert
  2. Es handle sich um isra'iliyyat, welche von den Juden und Christen ohne Prüfung übernommen wurden
  3. Die hadith-Gelehrten hätten viele Dinge einfach nur erwähnt, nach der Regel: „Wenn jemand den sanad (Überlieferungskette) erwähnt hat, dann hat er dich dadurch ausreichend hingewiesen und sich von der Verantwortung entbunden.“

Beim islamischen Recht (fiqh) geht man im Grunde nur noch zu Dingen zurück, die ab dem 6. Jahrhundert verfasst wurden und im Regelfall noch weit später. Selbst Dinge, die von den frühen Gelehrten der jeweiligen Rechtsschulen nicht so gesagt wurden, werden als „Lehrmeinung des madhhab“ hingestellt, weil die Späteren zum Schluss kamen, dass dies einfach richtiger ist. In solchen Fällen wird oft suggeriert, es handle sich dabei um die stärkste Meinung des ursprünglichen Gelehrten, wobei dies nicht der Fall ist.

Bei Biografien und Einschätzungen der Überlieferer begnügt man sich eigentlich immer mit den Aussagen von Leuten aus dem 8. und neunten Jahrhundert.

Selbst wenn die frühen Gelehrten der Wissenschaft der Überlieferer ('ilmu r-rijal/al-jarhu wa-t-ta'dil) sich einig waren, dass eine Person schwach war und sie vehement kritisierten, wie z. B. Abu Hanifah, wird man heute das exakte Gegenteil finden – bei ebenjenen schuyukh der heutigen salafiyyah. Es geht so weit, dass z.B. bei einer Ausgabe des Buches as-Sunnah von Abu Bakr al-Khallal (gest. 311 n. H.), in dem Aussagen von Ahmad ibnu Hanbal und zahlreicher anderer Gelehrten überliefert werden, das Kapitel über die Kritik an Abu Hanifah vollständig herausgekürzt wurde6.

Und wenn die damaligen hadith-Gelehrten die Methode solcher Leute ablehnten, dann wird auch dies heute völlig ignoriert, als hätten diese Gelehrten nie etwas dazu gesagt. Die meisten Menschen haben deshalb von solchen Dingen häufig noch nicht einmal etwas gehört.

Fußnoten

  1. Ein völliger Anfänger im Wissen, der vor einigen Jahren – nach dem im Folgenden beschriebenen Dialog – begann, sich lächerlicherweise als Scheikh zu inszenieren, verstand nicht, warum ich in meinem arabischen Buch die Aussagen der muta'akhkhirin nicht erwähnte. Er fragte mich: „Aber wie legitimierst du dein Buch dann?“!
    Qur'an und Sunnah war also nicht genug. Erst durch eine Bestätigung der muta'akhkhirin würde die Beweisführung vollständig!
    Auch ein Scheikh auf der arabischen Halbinsel befand mein Buch zunächst als sehr gut und lobte es, stieß sich mit der Zeit aber immer mehr daran, dass ich die Aussagen der muta'akhkhirin nicht erwähnte. Nach dem Motto: „Wie kommt er auf die Idee, nur Qur'an und Sunnah zu erwähnen?!“
    So das Denken von Leuten, die sich selbst als „salafiyyah“ betrachten.
    Richtig wäre gewesen, das Verständnis der Salaf für diese Texte des Qur'an und der Sunnah einzufordern – wie in dieser Schrift noch verdeutlicht wird – aber davon sind diese Leute auch heute noch meilenweit entfernt.
  2. Wenn also jemand sagt, dass ich mein Wissen früher eigentlich in erster Linie von späteren Gelehrten wie Ibnu Taimiyyah und der Da'wah Najdiyyah bezog und im Allgemeinen auch annahm, was ich bei diesen Leuten vorfand, so hat er damit völlig Recht.
    Im Allgemeinen stimmt das, auch wenn der Vollständigkeit halber gesagt sein muss, dass ich z.B. mehrere problematische Stellen in den Büchern von Ibnu Taimiyyah zu verschiedenen Fragestellungen der 'aqidah nicht angenommen hatte, weil sie mir nicht richtig erschienen. Die Aussagen selbst konnte ich über Jahre hinweg nicht richtig einordnen und Leute, die noch nicht einmal einen einzigen Absatz des Originaltextes dieser Bücher lesen und verstehen können, werden dazu noch eher nicht im Stande sein.
    Aber im Allgemeinen war es so, dass ich mich auf diese Bücher konzentrierte und auch annahm, dass die Aussagen darin mehr oder weniger genau das widerspiegeln, was die Salaf sagten.
    Genau so war es aber im Grunde bei allen Menschen, die heute eine solche Rückkehr zum Wissen der Salaf anstreben und sich darauf konzentrieren.
    Jeder dachte, lernte und lehrte, dass diese Bücher jener muta'akhkhirin nichts anderes sind, als die Aussagen der Salaf, jedoch in einfacher Sprache erklärt.
    Rückblickend kann man sagen, dass dies in sehr vielen Angelegenheiten auch wirklich so ist, aber eben nicht in allen. Und darin liegt auch das Problem. Weil man gesehen hat, dass in jenen späteren Büchern die Aussagen der Salaf geschätzt werden und gegen viele Sekten argumentiert wird, geht man schnell davon aus, dass sich der Inhalt immer mit den Standpunkten der Salaf deckt. Bei näherer Betrachtung kann dies aber nicht bestätigt werden.
  3. Es handelt sich um jenes handschriftliche Manuskript, welches in der Bibliothek der Universität von Ummu l-Qura aufliegt und gemäß Angaben von 'Abdullah ibnu Muhammad al-Hanbali an-Nablusi im Jahr 783 n. H. in der „Schule der Hanabilah“ in Nablus geschrieben wurde.