Die Hadith-Gelehrten des 5. Jahrhunderts und die späteren Gelehrten im Allgemeinen
بسم الله والحمد لله والصّلاة والسّلام على رسول الله وآله وصحبه ومن والاه، وبعد:
Die Hadith-Überlieferung wurde zum allergrößten Teil in den ersten 4 Jahrhunderten abgeschlossen. Jedoch gab es einige Gelehrte, die im 5. Jahrhundert verstarben2, in deren Werken noch manche Hadithe oder Aussagen der frühen Gelehrten (Salaf) überliefert wurden, die in anderen Werken heute nicht mehr zu finden sind3.
Diese Überlieferungen waren davor natürlich nicht unbekannt. Kein Zweifel, dass sie im Allgemeinen eigentlich immer in den früheren Hadith-Werken schriftlich niedergelegt waren. Schließlich verfassten die Gelehrten, welche diese Hadithe früher schon überlieferten und daher auch in ihren Überlieferungsketten aufscheinen, häufig selbst Hadith-Bücher. Jedoch sind diese Werke verschollen. Durch Hinweise darauf ist aber bekannt, dass es diese Werke gab.
Jene späteren Gelehrten, die etwa im 5. Jahrhundert verstarben, sind häufig hinsichtlich ihrer 'Aqidah umstritten. Im Speziellen bei ihren Auffassungen zu den Eigenschaften Allahs, aber auch wegen anderer Fragestellungen.
Häufig sagten sie zwar äußerlich, dass die Eigenschaften Allahs genau so angenommen werden müssen, wie sie im Qur'an und der Sunnah erwähnt sind, also die Worte bzw. Begrifflichkeiten an sich, jedoch meinten sie damit allgemein oder in mehreren Fällen, dass man die Bedeutung gänzlich nicht verstehen könne.
Sie sagten also etwa: „Die in den Texten erwähnten Eigenschaften müssen, wenn man den bloßen Begriff bzw. das Wort betrachtet, angenommen werden. Was mit diesen Begriffen gemeint ist, können wir jedoch nicht verstehen. Nur Allah weiß, was damit gemeint ist.“4
Es kann dies jedoch nicht gleichermaßen bei allen Gelehrten, über die solche Ansichten behauptet wurden, ohne weiteres Nachprüfen angenommen werden. Denn die verschiedenen Sekten, wie vor allem die Asch'ariyyah, zählten mehrfach Gelehrte zu ihren eigenen Reihen, wobei diese gar nicht von ihnen waren.
Ebenso gab es Gelehrte, die zwar mit einer anderen 'Aqidah aufwuchsen, diese aber zur 'Aqidah der Salaf hin verließen, was dann aber vor allem von den Sekten häufig nicht mehr erwähnt wurde. Durch solche Entwicklungen kommt es auch vor, dass in den Büchern von demselben Autor zwei verschiedene Aussagen zu einer Angelegenheit überliefert werden.
Daneben gab es mehrere bekannte Fälle von Gelehrten, die eine falsche 'Aqidah hatten und der verwerflichen Philosophie anheimfielen und nur scheinbar davon zurücktraten. Diese Leute wechselten in Wirklichkeit lediglich von einem Irrweg zu einem anderen, was heute z.B. häufig zur Annahme führt, dass Abu l-Hasan al-Asch'ari den falschen Weg verlassen und die 'Aqidah der Salaf voll und ganz angenommen hätte. Diese Behauptung kann jedoch bei näherer Untersuchung überhaupt nicht bestätigt werden.
Zu jenen anfänglich angesprochenen Hadith-Gelehrten des 5. Jahrhunderts, von denen teils problematische und teils widersprüchliche oder unklare Aussagen überliefert wurden, zählen z. B. Leute wie Ibnu Abdi l-Barr, al-Khatibu l-Baghdadi, al-Baihaqi, al-Hakim an-Naisaburi, Abu Nu'aim al-Asbahani5, as-Sijzi, al-Harawi und andere.
Die Annahme, dass jeder einzelne davon in jeder Angelegenheit auf der reinen 'Aqidah der Salaf war, kann nicht ungeprüft hingenommen werden und ist in einigen Fällen sicher falsch. Vor allem kann nicht angenommen werden, dass jedes Buch, das diesen Gelehrten zugeschrieben wird, sich in allen Fragen mit der reinen 'Aqidah der Salaf deckt.
Was natürlich nicht heißt, dass nicht auch manche frühere Hadith-Gelehrte wegen ihrer 'Aqidah umstritten sind, wie z.B. Ibnu Hibban al-Busti.
Bei einigen Fällen ist es aber, wie gesagt, vorgefallen, dass diese Gelehrten von einigen Sekten für sich vereinnahmt wurden. Ein Beispiel, das hierfür von manchen Leuten genannt wird, ist Abu Nu'aim, der Verfasser von Hilyatu-l-Auliya'6.
Daneben gibt es einige Hadith-Gelehrte dieser Zeit, die im Allgemeinen als Vertreter des reinen Manhaj der Salaf angesehen werden, wie vor allem al-Lalaka'i und vor ihm (noch im 4. Jahrhundert) Ibnu Battah al-'Ukbari (oder al-'Ukburi). Was natürlich nicht heißt, dass nicht vereinzelt auch Kritik an einigen ihrer Aussagen oder Feststellungen geübt wurde.
Wie die Lage des jeweiligen Falles bzw. der jeweiligen Person oder des Werkes tatsächlich einzuschätzen ist, muss durch gute Kenntnis und langjährige Erfahrung mit diesen Büchern herausgearbeitet werden. Ich will deshalb keine Urteile abgeben und begnüge mich damit, auf diese Dinge hinzuweisen.
Bei all dem ist noch zu erwähnen, dass nicht jeder Fehler bzw. jede Bid'ah, welche von einem solchen Gelehrten eventuell erwähnt wurden – auch wenn dies letztlich wirklich feststehen sollte – zum Verlassen des Islam führt.
Ein Zitieren der Überlieferungen solcher Gelehrten, vor allem, wenn man einen speziellen oder allgemeinen Hinweis gibt – wie durch diesen vorliegenden Text von mir auch geschehen –, wird jedoch generell nicht als problematisch angesehen. Diese Angelegenheit kann durch die Vorgehensweise der frühen Gelehrten gezeigt werden und wurde in den Hadith-Wissenschaften hinreichend besprochen.
Wenn die beschriebene Problematik schon eine gesellschaftliche Erscheinung jenes 5. Jahrhunderts war, dann ist natürlich klar, dass solche und ähnliche Erscheinungen bei späteren Gelehrten umso öfter vorzufinden sind.
Im Besonderen häufte sich dies bei Gelehrten, die sich gar nicht erst auf die Hadith-Wissenschaft und die Überlieferungen konzentrierten. Bei Leuten, die sich stattdessen eher mit den Regeln der Philosophie beschäftigten, ist es nicht verwunderlich, dass sie noch deutlicher den Weg der Salaf verließen.
Auch in Bezug auf die Gelehrten und Autoren der späteren Jahrhunderte bis zum heutigen Tage, kann dies jedoch nicht uneingeschränkt verallgemeinert werden, da es Leute gab, die zu den islamischen Quellen zurückkehrten und versuchten, die ursprüngliche, vom Propheten صلى الله عليه وسلم vermittelte Lehre herauszuarbeiten.
Bei allem von mir Gesagten gilt: Allahu a'lam/Allah weiß es am besten
والله أعلم وصلّى الله على نبيّنا محمّد وآله وصحبه ومن والاه
والحمد لله ربّ العالمين
Fußnoten
- Es werden im Folgenden also wie gewöhnlich nur die Sterbedaten berücksichtigt. ↩
- Hierbei sollte klar sein, dass es sich bei diesen Hadithen und Gelehrtenaussagen in der Regel um zusätzliche bzw. erklärende Überlieferungen zu anderen Hadithen oder bestehenden Inhalten handelt. Es sollte deshalb nicht angenommen werden, dass es zur Begründung wichtiger Inhalte des Islam solcher späten Überlieferungen bedürfe. ↩
- Dabei handelt es sich um den sogenannten Tafwid. Es kann hier jedoch nicht näher auf die genaue Bedeutung des Tafwid und anderer Irrmeinungen eingegangen werden. ↩
- Bzw. häufig auch „al-Asfahani“. ↩
- Diese und andere Aussagen werden hier im Sinne eines Hinweises angesprochen, können aber in diesem kurzgefassten Rahmen nicht weiter kommentiert werden. ↩