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Diskussion einiger Bedenken hierzu und die Gefahr der Formulierung von allgemeingültigen Regeln

Hauptteil · Volltext-Kapitel aus dem Buch Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat … · Als PDF lesen

Bei der vorangegangenen Erklärung kommt bei manchen Leuten die Frage auf, ob der Ausdruck des Qur'an dann noch deutlich sei. Die Gegenfrage an einen Muslim, der die islamischen Quelltexte auch nur einigermaßen kennt, muss lauten: Wie verhält es sich mit den unzähligen anderen Texten der Shari'ah, in denen Sünden als Kufr oder Shirk bezeichnet werden?

Wäre dieses Argument annehmbar, so könnte es auch bei all diesen Texten eingebracht werden. Wer die Ausdrucksweise der Shari'ah nicht gut kennt, könnte bei all diesen einzelnen Texten, wenn er sie völlig isoliert betrachtet, zu einem falschen Verständnis gelangen.

Er könnte z. B. zum Schluss kommen, dass es sich in all diesen Fällen, zu denen schon einige Beispiele erwähnt wurden, nicht um bloße Sünden handelt, sondern um den großen Kufr und Shirk, welcher zum Abfall von der Religion führt.

Es ist nicht nur so, dass jemand zu diesen Gedanken kommen könnte, vielmehr sind genau diese Fehler im Verständnis auch den diversen Sekten der islamischen Geschichte unterlaufen. Die Sekten der Khawarij und Mu'tazilah argumentierten auf genau diese Art mit ebensolchen Textstellen, die manche Sünden als Kufr oder Shirk bezeichnen.

Stellt sich also die Frage, warum jemand, der so argumentiert, nicht schon früher die Befürchtung hatte, diese Stellen könnten zu Missverständnissen führen. Wie am Beispiel der Sekten deutlich wurde, können diese Stellen auch durchaus zu Missverständnissen führen und dies ereignete sich auch in der Realität – aber in der Shari'ah war diese Ausdrucksweise offensichtlich gewollt aus diversen Gründen.

Bei vielen Menschen wird der Grund für diese plötzliche Annahme bei genau dieser Ayah wohl eher politische und emotionale Gründe haben als rationale. Sprachlich gesehen können sie gar nicht einschätzen, ob gerade beim bestimmten Artikel in der arabischen Sprache wirklich diese völlige Trennung und Klarheit vorliegt. Vielmehr nehmen sie dies an, weil es ihnen immer so beigebracht wurde. Irgendwann lasen sie, dass die Regel dies und jenes aussagt. Dies wurde nicht hinterfragt und wurde zu einer eisernen Regel, die - so die Annahme - immer ein handfester Beweis in der Shari'ah ist und mit der man stets argumentieren kann. Und wenn im Gegenzug irgendetwas dieser scheinbar festen Regel widerspricht, führt dies zu großer Verwirrung und es kommt plötzlich zum Gedanken: „Wie kann dies sein? Wäre die Ausdrucksweise dann nicht undeutlich?“

Zweifelsohne kommt es zu all diesen Problemen vor allem deshalb, weil die Menschen heutzutage eine verhältnismäßig geringe Kenntnis von den Texten der Shari'ah haben. Zu zahlreichen Annahmen würden viele Menschen gar nicht erst gelangen, wenn sie die Quelltexte ausreichend kennen würden – es sei denn es handelt sich um Sektierer, die unbedingt auf diese eine Bedeutung hinauswollen, jedoch aus weltlichen Gründen und nicht im Streben nach Wahrheit.

An diesem Beispiel zeigt sich die Gefahr von aufgestellten Regeln, seien dies Rechtsregeln bei der Ableitung von Gesetzen oder sprachliche Regeln. Solche Regeln können dem Verständnis durchaus dienlich sein. Werden sie in weiterer Folge aber als eisernes Gesetz angesehen und über andere Prinzipien erhoben, führt dies nur allzu leicht und allzu oft zu falschen Verständnissen.

Wie bereits erwähnt wurde, ist es auch durchaus so, dass die sprachliche Bestimmung durch den Artikel eine hohe Aussagekraft hat. Ebenso wie der Gebrauch der Wörter Kufr und Shirk für eine Handlung eine ziemlich hohe Aussagekraft hat. Dennoch kann vereinzelt durch andere Faktoren klar sein, dass an dieser spezifischen Stelle nicht diese allgemeine Bedeutung gemeint ist.

Der hier diskutierte Einwand rührt vor allem von der falschen Annahme, eine jede einzelne Aussage im Qur'an und in der Sunnah müsste für sich selbst genommen und völlig isoliert betrachtet immer eine ganz und gar unmissverständliche Bedeutung haben. Wer die Texte kennt, weiß aber, dass dies nicht der Fall ist und sie von Grund auf gar nicht so formuliert sind.

Vielmehr wird das richtige Verständnis einer Stelle im Qur'an durch weitere Faktoren klar. Diese sind vor allem:

Man versteht also eine einzelne Stelle im Qur'an nicht nur durch die bloße Sprache, als gäbe es nichts anderes, das diese Stelle erklärt.

Auf diese Dinge wurde von den frühen Gelehrten auch hingewiesen. So findet man beispielsweise Hinweise der Salaf auf Fehler, die durch die Nichtbeachtung des Kontexts entstehen.

Im Tafsir von Ibnu Abi Hatim74 findet sich bei der Erläuterung der Ayah 17:72 (Sure al-isra') ein solcher Hinweis von Abdullah ibnu 'Abbas. Als jemand mit dem genannten Vers argumentierte erwiderte Ibnu 'Abbas mit den Worten:

لَم تصب المسألة ‌اقرأ ‌ما ‌قبلها

Du hast die Angelegenheit nicht richtig verstanden. Lies das, was vor der Stelle ist.

Abu Ja'far an-Nahhas erwähnt in seinem Buch Al-Qat'u wa-l-I'tinaf, dass Aliyy ibnu Abi Talib gefragt wurde nach dem Ende des Verses 4:141 (Sure an-nisa'), worauf er ebenfalls erwiderte, dass man das lesen müsse, was vor dieser Stelle ist. Demgemäß wird durch den Kontext klar, dass mit dem Ende des Verses die Zustände am Tage des Gerichts gemeint sind und nicht im Diesseits.

Abu l-Qasim al-Lalaka'i überliefert in Sharhu Usuli 'tiqadi Ahli s-Sunnati wa-l-Jama'ah:

... عَنْ يَزِيدَ الْفَقِيرِ، قَالَ: قُلْتُ لِجَابِرٍ: يَا أَصْحَابَ مُحَمَّدٍ، إِنَّكُمْ تَزْعُمُونَ أَنَّ قَوْمًا يَخْرُجُونَ مِنَ النَّارِ، وَاللَّهُ يَقُولُ: {يُرِيدُونَ أَنْ يَخْرُجُوا مِنَ النَّارِ وَمَا هُمْ بِخَارِجِينَ مِنْهَا} [المائدة: 37] وَإِنَّكُمْ تَجْعَلُونَ الْعَامَّ خَاصًّا، قَالَ: ‌فَاقْرَأْ ‌مَا ‌قَبْلَهَا، فَإِذَا هِيَ فِي الْكُفَّارِ

[…] Von Yazid al-Faqir, er sagte: Ich sagte zu Jabir: „Oh Gefährten Muhammads. Ihr behauptet, dass manche Leute wieder aus dem (Höllen)feuer kommen werden, und Allah sagt: „Sie wollen aus dem Feuer entkommen, aber sie entkommen ihm nicht“ (Sure Al-ma'idah, 5:37), und ihr schränkt das Allgemeine ein.“

Er sagte: „So lies das, was davor ist“, und plötzlich handelte sie [die Ayah] von den Kuffar.

In diesem Buch kann nicht auf alle Verse des Kontexts von Sure al-ma'idah, Vers 44 und auf die dazu erwähnten Tafsir-Überlieferungen eingegangen werden. Deshalb wurde hier nur auf diese Punkte hingewiesen. Es sollte aber im konkreten Fall nicht vergessen werden, dass im gesamten Kontext dieser und ähnlicher Verse häufig über die Munafiqin/Heuchler gesprochen wird, welche rein äußerlich noch als Muslime galten.

Ebenso ist zu bedenken, dass direkt nach dieser Stelle im Qur'an derselbe Ausdruck zwei Mal wiederholt wird, es dann aber heißt „Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat, so sind jene die dhalimun (Ungerechten)“ und „Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat, so sind jene die fasiqun (Frevler)“, und dass dies auch von den Gelehrten aufgegriffen und erklärt wurde75.

Daran sieht man, dass auch bei diesem Vers der Kontext nicht unberücksichtigt bleiben darf – auch wenn hier nicht näher darauf eingegangen werden kann.

Ein großes Problem der zahlreichen Diskussionen über Fragestellungen des Islam besteht gerade darin, dass die allermeisten Menschen über Jahre und Jahrzehnte hinweg nur das hören und weitergeben, was in ihren Augen für sie spricht. So kann es sein, dass Leute über Jahrzehnte hinweg über einen einzelnen Vers sprechen und sich diesbezüglich ganz sicher sind, aber kaum eine Ahnung über andere Verse und über den Kontext haben.

Genau das geschieht auch ständig. Bei so jemandem verfestigt sich die eigene Sicht über den Vers schließlich so weit, dass bei einer anderen Erklärung sofort mit dem zuvor genannten Einwand reagiert wird: „Wenn dieser Vers, trotz seiner Eindeutigkeit und Deutlichkeit, nicht diese Aussage hat, wie kann ein Mensch ihn dann noch auf Anhieb verstehen?“ und danach: „Wie kann ein Mensch ganz allgemein die islamischen Texte dann auf Anhieb verstehen?“. Als ob der gesamte Islam aus diesem Text bestünde und als ob jede beliebige Einzelperson jeden einzelnen Vers auf Anhieb verstehen können müsste.

Man kann ein weiteres Beispiel einer sprachlichen Regel anführen, welches ebenfalls das Wort Kafir/pl. Kuffar betrifft. Diese Regel der Balaghah-Wissenschaft76 besagt, dass die Beschreibung durch das Nomen eine starke Bekräftigung darstellt und zeigt, dass die Eigenschaft dauerhaft in der beschriebenen Person vorhanden ist.

Wird also das Wort Kafir benutzt, so ist dies sehr deutlich darin, dass es sich um jemanden handelt, der dauerhaft die Eigenschaft des Kufr in sich trägt. Dies stimmt auch grundsätzlich, was aber nicht heißen muss, dass eine Abweichung von diesem Prinzip völlig unmöglich ist.

In einem bekannten Hadith, der in den beiden Sahih-Werken von verschiedenen Prophetengefährten überliefert wird, sagt der Prophet صلى الله عليه وسلم:

‌لَا ‌تَرْجِعُوا ‌بَعْدِي كُفَّارًا، يَضْرِبُ بَعْضُكُمْ رِقَابَ بَعْضٍ

Kehrt nach mir nicht wieder als Kuffar zurück, sodass die einen von euch die Hälse der anderen abschlagen.

Die Gelehrten verstanden aus diesem Ausspruch jedoch nicht, dass hier der große Kufr gemeint wäre – wobei gemäß der oben erwähnten Regel das Gegenteil völlig klar sein müsste.

Abu 'Ubaid al-Qasim ibnu Sallam erwähnt deshalb diesen Hadith als eines von vielen Beispielen im Kapitel:

بَابُ الْخُرُوجِ مِنَ الْإِيمَانِ بِالْمَعَاصِي

Kapitel: Das Verlassen des Iman aufgrund von Sünden

Gemeint sind also Sünden, durch die der Muslim – gemäß der Ansicht der frühen Muslime von Ahlu s-sunnati wa-l-jama'ah – den kleineren Kreis des uneingeschränkten Iman verlässt und in den größeren Kreis des Islam eintritt. Durch solche Sünden verlässt er also nicht den Islam in seiner Gesamtheit.

Dementsprechend heißt es im Qur'an in Sure al-hujurat, 49:9:

‌وَإِنْ ‌طَائِفَتَانِ مِنَ الْمُؤْمِنِينَ اقْتَتَلُوا فَأَصْلِحُوا بَيْنَهُمَا

Und wenn zwei Gruppen der mu'minin sich bekämpfen, so schlichtet zwischen ihnen […]

(Sure al-Hujurat, 49:9)

Al-Bukhari erwähnt diesen Vers in einer Kapitelüberschrift im „Buch des Iman“ seines Sahih-Werkes und kommentiert mit den Worten:

‌فَسَمَّاهُمُ ‌الْمُؤْمِنِينَ

So nannte Er sie „die mu'minin“

Zweifelsohne handelt es sich also nicht um Kufr, der den Menschen aus der Religion befördert.

Ebenso zeigt sich an der zuvor genannten Überlieferung und dem darin erwähnten Wort „Kuffar“ ein weiteres gutes Beispiel für den Missbrauch der Überlieferungen durch die isolierte Betrachtung bei gewissen Sekten.

So wollen die Schiiten – und andere, wie z. B. die Khawarij der islamischen Frühzeit – in dieser Überlieferung unbedingt einen Beweis für die Apostasie der Prophetengefährten sehen. Gemäß der klassischen Sichtweise der Schiiten fielen so gut wie alle Sahabah vom Islam ab und wurden zu Kuffar.77 Die Khawarij ihrerseits sahen in solchen Texten einen Beweis für ihre Behauptung, jede Sünde – und vor allem jede große Sünde – sei Kufr, der zum Abfall von der Religion führt.

Weist man Vertreter des Schiitentums – oder damals der Khawarij –, die so argumentieren, nun darauf hin, dass sie die anderen Texte ebenfalls einbeziehen müssen, werden sie häufig erwidern, dass die Aussage sprachlich deutlich ist. Durchaus möglich, dass der eine oder andere genau nach dem oben beschriebenen Muster argumentiert: „Dann wären die Texte der Shari'ah nicht deutlich und könnten ohne Zusatzwissen nicht verstanden werden.“

Auf ebendiese Art entstanden also in Wirklichkeit in allen Sekten der islamischen Geschichte die verschiedensten Argumentationen und Scheinargumente und allzu oft wurde dabei mit der vermeintlichen Deutlichkeit des arabischen Ausdrucks argumentiert. Bei bloßer Unklarheit und Unwissenheit hätte es solchen Menschen zur damaligen Zeit schon genügt, einfach aufrichtig die frühen Gelehrten zu befragen, um die unter ihnen bekannten Sichtweisen und Auslegungen zu erfahren.

In diesem Zuge wären sie schnell auf andere Texte, weitere Grundprinzipien der Shari'ah, den Kontext und die Offenbarungsgründe sowie die Erklärungen der Sahabah und Tabi'in aufmerksam geworden.

Wer dies tat, erfuhr häufig auch Rechtleitung, wie dies z. B. von einer großen Anzahl der Khawarij überliefert wird, die im Anschluss an ein Gespräch mit dem Prophetengefährten Ibnu 'Abbas zu tausenden reuig umkehrten.

Am Ende dieser Ausführung sei auch darauf hingewiesen, dass die Gelehrten der Salaf all diese Texte, in denen gewisse Sünden als Kufr oder Shirk bezeichnet wurden, natürlich kannten, und zwar um vieles besser als alle nach ihnen.

Es wäre absurd, davon auszugehen, dass diese Gelehrten sich dieser Angelegenheit nicht angenommen hätten und kein Verständnis dafür hatten. Ebenso absurd wäre es, zu glauben, dass diese Gelehrten trotz ihres überlegenen Sprachverständnisses jene obengenannten Mittel, Regeln und Stile der Sprache nicht kannten bzw. ihnen nicht auffiel, dass gewisse Auslegungen den Qur'an undeutlich erscheinen lassen usw.

Fußnoten

  1. In jenem Teil des heute erhaltenen Tafsir, der durch die Überlieferungen im späteren Werk Ad-Durru l-manthur erhalten wurde. ↩
  2. Die Wörter Dhalimun und Fasiqun werden im Qur'an stellenweise auch zur Beschreibung von Nicht-Muslimen, also von Kufr akbar verwendet. Jedoch gilt auch hier, dass die Bedeutung aus den verschiedenen Umständen und aus dem Verständnis der frühen Generationen herausgearbeitet werden muss. An dieser Stelle ging es nur darum, auf Dinge hinzuweisen, die im Kontext erwähnt sind. ↩
  3. Wissenschaft der arabischen Rhetorik, Sprachkunst, Stilmittel usw. ↩
  4. Bekanntermaßen kam es in der Frühzeit des Islam zur Zwietracht zwischen zwei Gruppen von Muslimen aufgrund von schweren Umständen der damaligen Zeit und zahlreichen vorausgehenden Ereignissen, die häufig auch bewusst von anderen provoziert wurden. (Hierbei ist anzumerken, dass die überwiegende Mehrheit der Sahabah an diesen Ereignissen von Grund auf gar nicht beteiligt war). Ebenso ist bekannt, dass das Schiitentum sich über die ersten Jahrhunderte mehr und mehr aus diesen frühen Ereignissen entwickelte. ↩