Die Angst vor der Fatwa gehört zum Wissen – Die Angst der Salaf, Fatwa zu erteilen
Die Gelehrten des Hadith, die sog. Muhaddithun, pflegten in ihren Büchern, meistens nur zu überliefern und gar nicht – oder kaum – von sich selbst aus zu sprechen. So findet man in ihren Kapitelüberschriften teilweise Aussagen im Sinne von Hinweisen. Darin befindet sich in wenigen Worten viel Wissen.
Ein gutes Beispiel dafür ist vor allem ad-Darimi رحمه الله, der bekannt für sein gutes Verständnis war. Ad-Darimi hatte eine hohe Stellung bei den Gelehrten von Ahlu-s-Sunnah wa-l-Jama'ah. Sein Festhalten an der Sunnah und sein Verständnis dafür ziehen sich deutlich durch sein gesamtes Werk.
Er erwähnt in diesem Zusammenhang z. B. Folgendes:
بَابُ مَنْ هَابَ الْفُتْيَا...
Kapitel: Wer das Rechtsgutachten (zu geben) fürchtet …
Wenn die Gelehrten eigene Kapitel nach einem Thema benannten, zeigt dies auch, dass es dabei um eine allgemeine Erscheinung geht und nicht um Einzelfälle, dass diese Dinge also mehrfach bzw. häufig überliefert wurden.
Im genannten Kapitel überliefert ad-Darimi von Abdu-r-Rahman ibnu Abi Laila, dass dieser sagte:
عَنْ عَطَاءِ بْنِ السَّائِبِ، قَالَ: سَمِعْتُ عَبْدَ الرَّحْمَنِ بْنَ أَبِي لَيْلَى، يَقُولُ: لَقَدْ أَدْرَكْتُ فِي هَذَا الْمَسْجِدِ عِشْرِينَ وَمِائَةً مِنَ الْأَنْصَارِ، «وَمَا مِنْهُمْ مِنْ أَحَدٍ يُحَدِّثُ بِحَدِيثٍ إِلَّا وَدَّ أَنَّ أَخَاهُ كَفَاهُ الْحَدِيثَ، وَلَا يُسْأَلُ عَنْ فُتْيَا إِلَّا وَدَّ أَنَّ أَخَاهُ كَفَاهُ الْفُتْيَا»
Ich habe in dieser Masjid 120 von den Ansar [von den Gefährten des Propheten صلى الله عليه وسلم] getroffen. Kein Einziger davon hat einen Hadith [bzw. etwas über den Islam] erzählt, ohne dass er nicht (unbedingt) wollte, dass sein Bruder [im Islam] ihm dies erspart.
Und keiner von ihnen wurde nach einer Fatwa gefragt, ohne dass er nicht (unbedingt) wollte, dass sein Bruder [im Islam] ihm diese Fatwa erspart.
- Einhundertzwanzig davon hat er selber gesehen! Kein Einziger war darauf aus, Fragen zu beantworten oder Fatwas zu geben. Jeder von ihnen wollte die Fatwa möglichst vermeiden und hoffte, dass ein anderer sie übernimmt!
- Würde man im Vergleich dazu heute an einem beliebigen Ort irgendwelche 120 Anfänger im Wissenserwerb betrachten, würde man sehen, dass erschreckend viele von ihnen unermüdlich versuchen, sich selber zum Imam zu erheben und durch das Wissen Ansehen bei den Menschen zu erlangen, an Frauen zu kommen oder andere weltliche Angelegenheiten zu erreichen!
- Interessant hierbei ist auch, dass Nicht-Muslime bzw. nichtreligiöse Menschen im Allgemeinen dieses Empfinden nicht haben können. Alles was sie tun, tun sie ausschließlich für sich selbst, also für ihren persönlichen Nutzen, oder für die anderen Menschen, was wiederum zu einem Nutzen für sie selbst führt.
Deshalb fürchten sie beim Tragen von Verantwortung ganz allgemein auch nichts sonst, als vor den anderen Menschen ihr Gesicht zu verlieren. Denn abgesehen von den Menschen gibt es niemanden, vor dem sie sich verantworten müssten – aus ihrer Sicht.