Die Salaf waren viel wissender … und genau deshalb viel zurückhaltender
Ibnu Abi-d-Dunya überliefert in seinem Buch as-Samt (Das Schweigen):
كَانَ رَجُلٌ يَجْلِسُ إِلَى الشَّعْبِيِّ فَيُطِيلُ السُّكُوتَ، فَقِيلَ لَهُ: مَا يَمْنَعُكَ مِنَ الْكَلَامِ؟ فَقَالَ: أَسْكُتُ فَأَسْلَمُ، وَأَسْمَعُ فَأَعْلَمُ
Ein Mann saß bei ash-Sha'bi und schwieg lange. So wurde zu ihm gesagt: „Was hindert dich daran, zu reden?“ Er erwiderte: „Ich schweige und so bleibe ich unversehrt, und ich höre und so lerne ich.“
- Die Gelehrten überliefern dies, um die Weisheit darin zu zeigen.
- Der Mann meinte mit „und so bleibe ich unversehrt“: So bleibe ich bewahrt vom Fehler und dem Übel im Dies- und Jenseits, welches der Unwissenheit und dem Fehlverhalten folgt. Und ich bleibe verschont von der Strafe, die den ereilt, der ohne Wissen spricht.
- Wer viel redet, macht auch viele Fehler.
- Ein Zeichen der Gelehrsamkeit ist, wenig zu reden und viel auszusagen. Ein Zeichen des Jahl ist, viel zu quatschen und wenig auszusagen.
Die frühen Gelehrten رحمهم الله waren dafür bekannt, wenig zu sprechen und viel zu wissen. Die Sahabah رضي الله عنهم, also die Prophetengefährten, redeten weniger als die Tabi'in, die erste Generation nach ihnen, aber sie waren wissender. Die Tabi'un wiederum redeten weniger als die Atba'u-t-Tabi'in, also die darauffolgende Generation, aber sie waren wissender als diese. Die Salaf, also die frühen Gelehrten, redeten weniger als die Khalaf, also die späteren Gelehrten, aber sie waren wissender.
Die Hauptgründe dafür sind vor allem:
- Ihr reines Sprachverständnis für die arabische Sprache. Sie konnten den Qur‘an und die Sunnah des Propheten صلى الله عليه وسلم auf die bestmögliche Art verstehen.
- Ihre Nähe zum Propheten صلى الله عليه وسلم. Sie erlebten die Offenbarung, kannten die Zeitpunkte der einzelnen Offenbarungen viel besser als die Menschen nach ihnen, wie auch die Offenbarungsgründe. Sie verstanden deshalb die Zusammenhänge viel natürlicher.
Das größere Wissen der Salaf zeigt sich z. B. in folgenden Dingen:
- In ihrem Umgang mit dem Wissen, der Zurückhaltung und Gottesfurcht dabei.
- In der Art und Weise, wie sie bei Angelegenheiten legitimer Rechtsableitung (Ijtihad) zu ihren Urteilen kamen – an ihrer Beweisführung.
- Wie sie mit Gedichten spontan argumentierten, um die Bedeutung eines Textes zu erklären.
- Ihr Verständnis für die Tragweite und das Ausmaß von Fehlern und wie sie deshalb vorausdenken und zukünftige Entwicklungen abschätzen konnten – z. B. dabei, wie sich Bida', also unerlaubte und üble Neuerungen, zukünftig entwickeln werden. So z. B. bei der Bid'ah des Irja’.
- Wie sie gegen falsche Aussagen und Neuerungen argumentierten, wie z. B. gegenüber den beiden Sekten der Khawarij und Qadariyyah.
Das zeigt sich auch deutlich an den kommenden Beispielen.
- Heute ist es genau umgekehrt. Die Menschen sind viel unwissender, aber viel schneller damit, über den Islam und seine Angelegenheiten Auskunft zu geben, selbst wenn es die Fragen von größter Tragweite oder Schwierigkeit sind. Sie haben dabei eine extreme Leichtsinnigkeit und Voreiligkeit (Jur‘ah). Auch das versteht man aus den folgenden Überlieferungen.