Die Zeichen der Leute des Ghuluww
Menschen, die an diesem Problem leiden, kann man sehr genau an ihren Simat, ihren Zeichen erkennen. Wer damit zu tun hatte und ein bisschen Wissen besitzt, kann sie sprichwörtlich aus einer Entfernung von hundert Kilometern riechen. Sehr deutlich sieht man das im arabischen Raum bei Leuten, die sich als Schuyukh hervortun. In weiterer Folge werden diese Dinge dann jedoch auch von den Stellvertretern im nicht-arabischen Raum übernommen.
Daneben gibt es sogar noch Nicht-Araber, die einen eigenen Führungsanspruch stellen, wobei sie gerade erst am Anfang ihres Islam-Studiums stehen. Manche davon glauben tatsächlich, sie wären als Einzige im Besitz einer wiedergefundenen Wahrheit und müssten die gesamte Ummah nun von der nicht-arabischen Welt aus retten. Nicht selten schätzen solche Leute sich selbst als bedeutende Imame einer neuen großen Da'wah ein.
Die wichtigsten Anzeichen all dieser Personen und Strömungen kann man vielleicht etwa folgendermaßen zusammenfassen:
Sie versuchen von Anfang an, sich selbst zu profilieren. „Schaikh Fulan, Schaikh Fulan, ma sha Allah! Fadilatu sch-Schaikh.“ usw. Dazwischen streuen sie hier und da ein – wenn sie bemerken, dass das von einigen Leuten erkannt wird, und kurzzeitig sehen, wie absurd ihr eigenes Schauspiel eigentlich ist –: „Nein, ich rufe nicht zu mir auf. Sondern NUR zu den Salaf.“ Die Frage ist: Kann so jemand nach solchen Inszenierungen seiner eigenen Aussage noch selbst Glauben schenken?
Sie verfallen komplett dem Glauben, dass nur sie allein auf der Welt jetzt ganz neu die Wahrheit gefunden haben. Sie fangen an, immer mehr jeden anderen geringzuschätzen. Alle sind Dummköpfe, Zanadiqah und Juhhal, außer ihnen und ihren Befolgern.
Sie suchen krampfhaft nach irgendwelchen Fragestellungen, mit denen sie sich abheben können vom Rest der Menschheit. Alle anderen hätten das dann nicht verstanden und sie wären die einzigen. Wie die Gelehrten früher die Leute der Bid'ah auch oft beschrieben: Sie suchen krampfhaft nach neuen Ideen, neuen Theorien, um dieses Ziel zu erreichen.
Sie und ihre Anhänger zersplittern sich immer mehr, da es nie sein kann, dass sie jemanden finden, der alle ihre Theorien genau so bestätigt, wie sie selbst. Es gibt immer einige völlig Unwissende, die gar nichts verstehen und von denselben Herzenskrankheiten geplagt sind, wie ihr jeweiliger verehrter „Schaikh“, bis sie sich dann schließlich auch irgendwann gegen ihn wenden. Bis dahin wiederholt sich die Spaltung zwischen den Anführern und jeder nimmt immer seine Gruppe von Blind-Folgern mit auf seinen Irrweg.
Je länger das so geht, umso klarer wird für viele Menschen, dass das Ganze völliger Unsinn ist. Viele verstehen dann zwar nicht genau, was das Problem ist, aber sie kommen deutlich zum Schluss, dass dies nicht vom Din sein kann. Außerdem haben sie genug schlechtes Verhalten von ihrem Anführer gesehen. Innerlich wissen sie also, dass er üble Eigenschaften hat und in Wirklichkeit die Position des großen Schaikh einnehmen will. Es ist eine Frage der Zeit, bis die Leute von so jemandem ablassen.
Auf ihrer Suche nach Alleinstellungsmerkmalen – also Besonderheiten, die sie von anderen unterscheiden – thematisieren sie immer irgendwelche bekannte Persönlichkeiten. Sie können dazu nicht schweigen. Wenn ihnen ein Fehler auffällt, oder sie glauben, einen zu erkennen, laufen sie sofort hinaus und machen den nächsten großen Vortrag über die Fehler jener bekannten Persönlichkeit usw.
Sie haben ein ganz klares Ziel dabei: Wenn sie die Fehler des „großen Gelehrten“ aufdecken können, dann sind sie selbst viel größer. Außerdem macht sie das bekannt. Denn wer bekannte Leute kritisiert, der wird selbst bekannt – so ihre Annahme.
Schließlich führt sie dieses Streben immer weiter zurück in der Zeit, bis einige dann beginnen, frühe Imame der Muslime als Kuffar anzusehen. Innerlich freuen sie sich darüber geradezu, auch wenn sie das manchmal bestreiten. Aber letztlich erkennen sie darin genau jene Leiter, die sie hinaufsteigen wollen, um selbst jene bekannten Gelehrten der islamischen Geschichte zu übertreffen.
Solche Leute haben in den aller meisten Fällen ein sehr schlechtes Verhalten, und ihre Anhänger, die viel mit ihnen zu tun haben, wissen das auch ganz genau. In den privaten Gesprächen und Sitzungen wird maßlos gelästert über alles und jeden. Wer ihnen nur in einer Frage widerspricht, ist sofort ein Himar jahmiyy usw. und wird mit voller Hingabe ausgelacht und lächerlich gemacht.
Im Allgemeinen lernen solche Leute den 'Ilm nicht von seinen Usul. Sie haben keine Diqqah/Genauigkeit, alles wird durcheinandergeworfen, weil sie immer sofort hinauslaufen, wenn sie irgendwas Neues lernen, in der Hoffnung, dadurch ihr Wissen und ihren Status bei den Befolgern bestätigen zu können.
Manche können kaum einen Satz in einigermaßen fehlerfreiem Arabisch formulieren, aber sie präsentieren sich selbst als der große Schaikh, und zwar jahrelang. Manch einer – eventuell auch im arabischen Raum – präsentiert sich vielleicht sogar als Dichter, aber wenn man eine Seite von ihm liest, fragt man sich allein bei dem Durcheinander in der Sprache, ob die Person irgendein psychisches Problem hat1 – weil es einfach nicht nachvollziehbar ist, wie sich ein arabischsprachiger Mensch einerseits so darstellt, zudem Bücher und Schriften verfasst, gleichzeitig aber kaum einen vernünftigen Satz formulieren kann.
Sie widersprechen sich ständig. Wenn sie eine alte Sache verwerfen, machen sie das oft, ohne irgendein Wort darüber zu verlieren. Sie wollen es so aussehen lassen, als hätten sie niemals in ihrem Leben etwas anderes gesagt. Dann, wenn sie damit konfrontiert werden, regen sie sich auf und sagen, es handle sich nur um eine Differenzierung, oder jede Aussage muss auf einen speziellen Kontext bezogen werden oder Ähnliches.
Wobei jeder mit einem gewissen Minimum an Verständnis und Wissen sofort erkennt, dass dies Unsinn ist und sich die Aussagen eindeutig widersprechen. Dieses Muster wiederholt sich bei vielen dieser Leute immer wieder, wobei immer klarer wird, dass sie keinen ehrlichen Umgang mit diesen Dingen haben.
Einige Befolger solcher Leute sind so besessen von ihrem hochverehrten Schaikh, dass sie sogar noch zehn Jahre danach umherlaufen und versuchen, jeden Fehler von ihm irgendwie zu „entschuldigen“ oder zu erklären. Ihre Verehrung der Person macht sie blind und unfähig, die Realität einzusehen.
Sie sind unehrlich bei der Präsentation des Wissens. Fragestellungen, wo sich die Gelehrten von Anfang an unterschieden haben, stellen sie hin als völlig klare Sache. Sie spielen vor, dass sie die einzig richtige Ansicht genau kennen und auch genau erklären können. Wer diese Themen nicht selbst studiert hat, der lässt sich davon auch völlig täuschen. Wer hingegen über das Thema gelesen hat, der weiß sofort, dass dieser Mensch etwas vorspielt.
Manche geben sich als sehr wissende Qurra' aus, die sich mit der Wissenschaft der Lesarten (Qira'at) und Anderem genau beschäftigt haben. Wenn sie dann einmal rezitieren, widersprechen sie dem, was sie am Vortag darüber gesagt haben. Merkwürdigerweise lesen sie gekünstelt, mit ungutem Takalluf, wobei sie davor gewarnt haben, weil sie dazu irgendwas von den Salaf gelesen hatten. Aber sie verstanden nicht genau, was das heißt und hatten kein ausgereiftes Bild zu der Sache. Sie wollen einfach immer schnell mit Kuriositäten bei den Menschen auftrumpfen. Wer mehrere Jahre über diese Dinge gelesen und sich damit befasst hat, der weiß, dass diese Leute keine Fachmänner auf dem Gebiet sind.
Sie präsentieren sich als Kenner der Hadith-Wissenschaften und der Rijal, als Kenner der Überlieferungsketten (Asanid), aber wer dabei einen gewissen Einblick hat, der merkt sofort, dass dies nicht so ist. So jemand merkt, dass solche Leute das, was sie gerade eben in einem „großen Vortrag“ präsentieren, kurz davor gelesen haben und jetzt so darstellen, als hätten sie es seit Jahrzehnten gewusst.
Den Juhhal-Befolgern ist das überhaupt nicht klar, weil sie von diesen Wissenschaften wirklich keine Ahnung haben. Subhanallah – wie soll jemand, der z. B. gerade mal 30 oder 35 Jahre alt ist, einen kompletten Überblick über die Überlieferer haben und dazu noch ein Fachmann für die Qira'at sein?! Das ist (im Allgemeinen) absurd. Jedes dieser Wissensgebiete braucht etliche Jahrzehnte intensiver Befassung. Es mag in der Menschheit Ausnahmen geben, und natürlich auch abgesehen von mehreren frühen Hadith-Gelehrten, die in einer ganz anderen Welt aufwuchsen … aber von all diesen abgeirrten Leuten heute habe ich nicht einen einzigen gesehen, der dem annähernd nahe kommt.
Selbst damals bei den Salaf waren sehr viele Gelehrte spezialisiert auf ein, oder einige Wissensgebiete, wobei sie sich vielleicht 50 Jahre fast nur damit befassten! Wie sollten also diese Leute heute jenen Gelehrten überlegen und in allen möglichen Wissensgebieten große Gelehrte sein? Das ist absurd.
Diese Leute sind niemals so, wie sie sich vor ihren Befolgern darstellen. Das ist gefährlich und darauf muss auch hingewiesen werden. Auch wenn es vielen Verblendeten sowieso nicht hilft, weil sie die Krankheit einfach begehren.
Wenn du einen siehst, der einigermaßen (!) bezüglich der Rijal-Wissenschaft bewandert ist, dann merkst du bei ihm deutliche Schwächen in Bezug auf die Wissenschaften des Qur'an, der arabischen Sprache usw. Das ist die Realität, nicht die Traumwelt, in der die Befolger leben.
Je unwissender die Menschen in einer Gesellschaft über den Din sind, umso leichter lassen sie sich verblenden. Im Buch al-Faqihu wa-l-Mutafaqqih wird von Malik überliefert, dass er sagte:
مَا قَلَّتِ الْآثَارُ فِي قَوْمٍ إِلَّا كَثُرَتْ فِيهِمُ الْأَهْوَاءُ
„Wenn die Athar in einem Volk weniger werden, mehren sich unter ihnen (auf jeden Fall) die Neigungen/Bida'.“
Werden also die Aussagen der frühen Gelehrten und ihre Erklärungen zum Qur'an und der Sunnah in einer Gesellschaft weniger, werden die krankhaften Neuerungen automatisch mehr.
Man sieht bei solchen Leuten, wenn sie einmal auf den „Geschmack“ des Ghuluww kommen, wenn sie also die Übertreibung für sich entdecken, dass es dann meistens sehr schnell geht. Kann sein, dass sie selbst früher mit ihrem Halbwissen angeblich gegen Übertreiber vorgegangen sind und große Widerlegungen geschrieben haben.
Sobald sie aber gewisse Hemmungen abgelegt haben und auf die Schiene des Ghuluww gekommen sind, drehen sie sich völlig um. Jede Woche oder jeden Monat gibt es eine neue absurde Idee von ihnen, man kann die Entwicklung genau mitverfolgen.
Es erinnert sofort an den Hadith über die Khawarij, der bei al-Bukhari und vielen anderen überliefert wurde, in dem der Prophet صلى الله عليه وسلم die Eigenschaften der Khawarij prophezeit:
يَمْرُقُونَ مِنَ الدِّينِ كَمَا يَمْرُقُ السَّهْمُ مِنَ الرَّمِيَّةِ
„Sie schießen aus dem Din heraus, wie der Pfeil aus dem gejagten Tier.“
Bzw. kann man auch sagen: Sie durchstoßen den Din und durchqueren ihn so schnell, wie der Pfeil das gejagte Tier durchstößt.
Sie haben das Bedürfnis sehr viel zu schreiben und sehr viel zu sagen. Vielleicht täglich oder wöchentlich kommen neue Vorträge und Schriften über Themen, wo ein Mensch mit Verstand sich selbst sagt: „Bevor ich über dieses Thema spreche, beiße ich mir lieber zehn Jahre auf die Zunge, anstatt über etwas zu reden, das ich vielleicht selbst nicht ganz verstanden habe.“ Aber nicht diese „großen Schuyukh“. Sie können diese Dinge alle erklären, können alle anderen widerlegen, können jeden Ischkal, jedes Problem auflösen usw.
Wer diese Anzeichen sieht, der sollte sehr vorsichtig sein und die Situation gut überdenken. Das Mindeste ist, dass man sich nicht sofort einbringt, nicht sofort alles glaubt, jemandem mit vollem Eifer folgt, sich im Internet äußert, etwas verteidigt und dafür streitet, wobei man eigentlich gar nicht richtig verstanden hat, worum es geht. Darum ging es in diesem Hinweis.
Wallahu a'lam ... und Allah weiß es am besten.
والله أعلم
وصلّى الله على نبيّنا محمّد وآله وصحبه ومن والاه
والحمد لله ربّ العالمين
Fußnoten
Das ist ernst gemeint und nicht eine bloße Übertreibung oder Polemik. ↩