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Die Irrmeinung des Ketten-Takfir

Volltext-Kapitel aus der Schrift Der Ghuluww – Die Krankheit der Übertreibung im Din · Als PDF lesen

Und so sieht man, wie Leute quasi täglich von den Salaf zitieren, bei ihnen aber dieselben Krankheiten und Irrgedanken aufkommen und sie schließlich auf extreme Art und Weise spalten.

Vor 15 Jahren etwa begannen wir im deutschsprachigen Raum einige grundlegende Angelegenheiten des Tauhid zu erklären, wie vor allem die Tatsache, dass ein Polytheist/Muschrik keinesfalls ein Muslim sein kann. (Siehe dazu die kurze Schrift „Der Unterschied zwischen Monotheisten und Polytheisten im Islam“ und das umfassende Buch „Die Lehre des Monotheismus“)

Kurz darauf begannen damals einige solche Jugendliche im deutschsprachigen Raum zu philosophieren: „Wer keinen Takfir auf den Muschrik macht, ist GENAU so ein Muschrik wie er. Und wer dann auf diesen keinen Takfir macht, ist GENAU so ein Muschrik wie der erste.“ usw.

Schließlich erreichte der Irrsinn ein Ausmaß bei einigen, dass der „Iman an eine Kette bis ins Unendliche“ eine Grundvoraussetzung für den Islam eines Menschen sei, also der sogenannte Kettentakfir.

Kindlich im Hinblick auf Lebensalter, Erfahrung und Wissen, aber jetzt die einzigen Menschen, die den wahren Islam verstanden haben sollen, nämlich den Ketten-Takfir bis ins Unendliche. Wie abgeirrt muss ein Mensch sein, um so etwas zu glauben?!

Es ist jedem normal Denkenden sofort klar, dass dies unmöglich so sein kann. Eine Sache soll ein unerlässlicher Bestandteil der islamischen Grundüberzeugung ('Aqidah) sein, wobei sie NIE auch nur mit einem Wort im Qur'an und der Sunnah erwähnt wurde? Die fünf Säulen des Islam (Arkan) und die sechs Grundlagen des Iman (Usul) wurden alle im Detail erklärt und unzählige Male wiederholt. Diese Sache soll genauso wichtig und unerlässlich sein, wurde aber nie erwähnt?! Wie weit muss man von den islamischen Quelltexten entfernt sein, um das zu glauben?

Bezeichnend war dabei, dass damals genau diese Leute davor nicht müde wurden sich immer ganz lautstark zu „Qur'an und Sunnah, Qur'an und Sunnah“ zu bekennen. Gleichzeitig waren ihre abscheulichen Philosophien am weitesten entfernt vom Qur'an und der Sunnah.

Und heute sieht man genau dasselbe … aber angeblich auf dem Weg der Salaf. Dieselben Krankheiten. Hierin liegt wirklich eine Lehre für Menschen mit Verstand.

Wobei diese Leute selbst die ganze Zeit „Salaf, Salaf“ rufen, genauso, wie sie damals „Qur'an und Sunnah“ riefen. Die Grundregel ist hierbei aber: Was die Salaf nicht als Glaubenslehre vertraten und nicht in ihren Büchern deutlich und mehrfach weitergaben, das KANN NICHT von der Lehre des Islam sein. Aber nein, diese Leute wissen es besser und sind jetzt „Athari's“, die den Glauben des Ketten-Takfir und ähnliche Irrgendanken wiederentdeckt haben.

Einen Menschen, der diese Krankheit hat, kann nichts schützen, wenn er nicht davon ablässt – nicht der Qur'an, nicht die Sunnah und auch nicht die Aussagen der Salaf.

In diesem Sinne sind auch jene Leute merkwürdig, die ständig über einen „'Adhir und 'Adhir des 'Adhir“ oder „Nr. 3, Nr. 4“ usw. sprechen. Die Salaf haben das nie in dieser Form thematisiert. Wer glaubt, dass sich dies länger fortsetzen kann und jeder genau gleich ist wie ein Muschrik, der hat die Struktur der Schari'ah überhaupt nicht verstanden. Hätte er eine Kenntnis vom Aufbau der Schari'ah, wüsste er, dass die Entschuldigungsgründe massiv zunehmen, mit jedem Schritt, den sich ein Mensch vom Schirk, der Bid'ah oder dem Haram entfernt.

In diesem Kontext ist auch die heute weit verbreitete Verwendung des Ausdrucks „Aslu d-Din“ problematisch. Man sieht Leute zehn Jahre oder mehr philosophieren: „Dies ist vom Aslu d-Din. Dies ist nicht mehr vom Aslu d-Din. Wer sagt, dies ist nicht vom Aslu d-Din, der ist ein Kafir.“ usw.

Jedes Mal, wenn man eine neue Mas'alah kennenlernt, fragt man sich, ob es nun als Aslu d-Din zu klassifizieren ist oder nicht. Um dies herauszustellen, stützt man sich in der Regel auf bloßes Denken und Philosophieren. Qur'an und Sunnah wird dann nur noch im Nachhinein benutzt, um die eigenen „grandiosen“ Gedankengänge und Ableitungen zu bestätigen und damit für die eigene Meinung zu streiten. Und weil sich die Personen in ihren Schlussfolgerungen unterscheiden, treten auf diesem Weg auch laufend Meinungsunterschiede und Spaltungen auf.

Der Begriff Aslu d-Din wurde von den Salaf niemals in dieser Form gebraucht. Wer das versteht, der muss sehr hinterfragen, warum er selbst sich die ganze Zeit mit einem Ausdruck beschäftigt, den die Salaf so nie gebraucht hatten. Aus diesem Grund habe ich den Begriff schon vor zehn Jahren oder mehr völlig aus all meinen Büchern entfernt, um falsche Vorgehensweisen und Ansätze nicht zu fördern.

Es kann schon sein, dass man nicht so recht versteht, warum die Salaf sich nie in dieser Form mit einer Sache beschäftigt haben, die einem selbst als so wichtig und unerlässlich erscheint. Aber die Tatsache, dass sie das nie in derselben Form aufgearbeitet hatten, muss auf jeden Fall ein Alarmsignal sein und den vernünftigen Muslim davon abhalten, mit anderen Leuten, oder gar öffentlich in dieser Form zu streiten. Wallahu a'lam.